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Das ewige leben 01

Das ewige Leben

Ein Sozialdrama ist zu erwarten, wenn ein etwas ungepflegter Mann mittleren Alters einer Beamtin im Wiener Arbeitsamt gegenübersitzt und auf alle ihre Fragen nur gestehen muss, kein Geld und keinerlei soziale Absicherung zu besitzen, weil er auch die letzten Jahre ohne Arbeit war.

Text: Erwin Schaar / 29. Apr. 2015

Ein Sozialdrama ist zu erwarten, wenn ein etwas ungepflegter Mann mittleren Alters einer Beamtin im Wiener Arbeitsamt gegenübersitzt und auf alle ihre Fragen nur gestehen muss, kein Geld und keinerlei soziale Absicherung zu besitzen, weil er auch die letzten Jahre ohne Arbeit war. Als der aber die Stätte seiner Offenbarung verlässt, muss er ihr noch mitteilen, dass er etwas vergessen hat: Er besitze noch ein Haus in Graz.

Und damit beginnt eine Geschichte, die den Start in den Film als eine falsche Fährte entlarvt, denn es vermengen sich Komik und Tragik in einer solch vehementen Weise, dass einem die Story fast um Ohren und Augen fliegt. Und die in ihren Einzelheiten erzählen würde dem prospektiven Zuschauer Spannung und Witz nehmen. Allen Figuren, zwar mit ausgeprägter Individualität präsent, gibt der Verlauf der filmischen Handlung die Ausstrahlung, die uns fasziniert und die Spannung aufrechterhält.

Aber was ist nun das Spezielle dieser Inszenierung, um über diesen Film zu räsonieren, ohne die Handlung zu verraten? Ein wichtiges Ingredienz sind die Darsteller, die den vielen Einzelheiten dieser sehr österreichisch erzählten Geschichte Glanz und Aufmerksamkeit verleihen. Allen voran ist, vielen von uns lieb, der Kabarettist Josef Hader als Privatdetektiv Brenner zu nennen, der mit unschuldiger Mimik das Leben mit doppeltem Boden vorführen kann und der in Graz, wohin er nun zurückgekehrt ist, um in dem geerbten, doch abbruchreifen Haus seines Grossvaters zu vegetieren, einen Trödelhändler und einen einflussreichen Brigadier, den örtlichen Polizeichef, kennt. So viel von der Geschichte muss nun doch verraten werden, denn die überbordenden Handlungen dieser Protagonisten bilden das Skelett des Films. Und man fragt sich schon am Anfang, wo denn diese Konstellation ihren Ausgangspunkt genommen hat. Wie Zwischenschnitte mit eher amateurhaften Aufnahmen, die Gedächtnisblitzen gleichen, andeuten, scheint es sich um etwas Kriminelles zu handeln, was dann für Brenner diese ganze Malaise ausgelöst hat, während die involvierten Kameraden, wenn sie nicht zu Tode gekommen sind, ihr mehr oder minder persönliches Glück gemacht haben.

Das ewige leben 12

Brenner-Filme gibt es seit vierzehn Jahren. Sie sind den erfolgreichen Büchern des Autors Wolf Haas geschuldet. Und nach komm, Süsser Tod (2000), Silentium (2005) und Der Knochenmann (2009) hat Haas wieder zusammen mit Hader und Wolfgang Murnberger das Drehbuch geschrieben. Und Josef Hader war auch immer der Detektiv, der konstant sozial von Film zu Film «bergab geschickt» (Hader) wurde. Und wie die Anfangssequenz zeigt, am Ende angekommen sein dürfte.

Die Geschichte, die mit einem unfreiwilligen, aber erfolglosen Suizid ihren Lauf nimmt, mit Hauptakteuren, die ermordet werden oder an ihren körperlichen Gebrechen sterben, spektakulären Verfolgungsjagden, den zwielichtigen Frauenrollen, den Polizisten ohne Fortune, den Emigranten am Rand des Geschehens kann keine konventionelle Melange ergeben, denn dieser tragisch-komische Erzählstil von Haas mischt sich mit der existenziellen österreichischen Darstellungskraft von Josef Hader, Tobias Moretti und Roland Düringer und dem gekonnt kruden Inszenierungsstil Wolfgang Murnbergers. Hader sieht das so: «Ausgehend von der Sprache von Haas würde ich sagen, dass Murnberger und der Kameramann Peter von Haller miteinander eine eigene Bildsprache entwickelt haben und versuchen, in Bildern das auszudrücken, was der Haas mit Sprache macht, nämlich nicht ganz korrekt sein, aber auch nicht zu gewollt lustig.» Daher sei der Film (nur) denen empfohlen, die auch ein Pawlatschentheater goutieren können – wenn Sie wissen, was ich meine.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 3/2015 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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