«Filmische
Inszenierung ist alles, was man dem Drehbuch
beifügt oder weglässt»
Gespräch mit
Jean-Charles Tacchella
filmbulletin Wann
hatten Sie die Idee zu travelling
avant?
jean-charles tacchella Ich wollte seit mindestens zehn Jahren einen Film über Cinephile drehen – also über jene Enthusiasten, die täglich vier, fünf Filme sehen und deren Leidenschaft fürs Kino soweit geht, dass sie ihr Leben ganz nach dem Kino ausrichten – weil mich intellektuelle Passionen in Bezug auf das Leben interessieren. Wenn man solch eine Leidenschaft für Filme, Gemälde, Bücher hat, lebt man durch diese Werke und mit ihnen anders. Und es ist schwierig, mit dieser Leidenschaft zu leben: Man ist im gewöhnlichen, alltäglichen Leben weitgehend desorientiert, und das normale Leben erscheint einem zu einfach, zu banal oder zu kompliziert. Das Beispiel der Cinephilie habe ich nur deshalb gewählt, weil ich diese Leidenschaft besser kenne als andere, aber ich glaube, dennoch einen Film gemacht zu haben, der für alle intellektuellen Passionen Gültigkeit hat.
Weil ich erst eine Form dafür finden muss, dauert es aber oft noch lang, bis ich die Idee, die ich zu einem Film im Kopf habe, niederschreiben kann. Als ich vor anderthalb Jahren schliesslich begann, die Ideen zu travelling avant aufs Papier zu bringen, war mir der Gedanke, die Handlung in die Vergangenheit zu verlegen, noch nicht gekommen. Je länger ich aber am Stoff arbeitete, desto mehr fragte ich mich, ob ich mich überhaupt in den Kopf eines heute Achtzehnjährigen, der kinoverrückt ist, versetzen kann. Um dennoch ein möglichst wahres Bild von Cinephilen auf die Leinwand zu bringen, wählte ich schliesslich die Zeit zwischen 1949 und 1950, die ich deshalb sehr genau kenne, weil ich damals selbst ein junger Cinephiler war.
filmbulletin Glauben Sie demnach, dass es immer Cinephile geben wird, dass diese Leidenschaft also an keine bestimmte Periode gebunden ist?
jean-charles tacchella Nach dem Weltkrieg gab es eine erste grosse Welle der Cinephilie. Damals war das Kino ein Samstagabendvergnügen – es gab noch kein Fernsehen, und alle Leute gingen oft ins Kino. Dennoch galt es, dem Kino als Kunstform Anerkennung zu verschaffen. Wir Cinephilen wollten aufzeigen, dass Filmkultur weit mehr beinhalten kann als das, was das Samstagabendpublikum, das vor allem Zerstreuung suchte, darin sah. Heute fällt es schwer, sich das vorzustellen, aber in den Jahren 1945 bis 1948 gab es überhaupt keine Bücher über das Kino. Man fand kein einziges Buch über einen Regisseur, und man studierte auch die Klassiker des Stummfilms nicht. Ohne den Einsatz von Leuten wie André Bazin, Jean George Auriol und Henri Langlois wären diese Filme wohl zerstört worden oder verschwunden. Deshalb kämpften wir dafür, dass die alten Filme studiert werden, und wollten alle Kinogänger für die Filmgeschichte interessieren: Wir haben damals für eine Filmkultur gekämpft.
Heute haben Cinephile andere Kämpfe auszufechten. Ein Kampf muss wohl der Qualität der Bilder gelten – die Bilderflut, die sich über die TV-Kanäle ergiesst und Kinosäle verstopft, ist schrecklich. Die Leute werden durch Moden und die Werbung mehr beeinflusst als durch wirkliche Qualität beeindruckt. Man erzieht die Zuschauer nicht, die Leute finden kaum noch einen Zugang zu den wirklich bedeutenden Filmen. Es fehlt an künstlerischen Leitbildern, an Persönlichkeiten, welche die Zuschauer zur Qualität und zur Schönheit von Filmen führen könnten. Was die Leute am liebsten sehen, bürgt keineswegs für Qualität. Das grosse Publikum täuscht sich sehr oft. Wieviele Klassiker des Kinos wurden doch vom grossen Publikum ignoriert: la règle du jeu von Jean Renoir, boudu sauvé des eaux ebenfalls von Renoir, casque d’or von Jacques Becker waren zu ihrer Zeit kommerzielle Misserfolge, und heute sind es grosse Klassiker.
Deshalb finde ich, dass es Leute braucht, die sich für die guten Filme engagieren, solche Zeitschriften machen wie Sie – auch wenn solche Publikationen leider keine sehr grossen Auflagen erzielen. Gleichzeitig sollte die ernsthafte Filmkritik aber auch in den grossen und auflagenstarken Zeitungen gut vertreten sein. André Bazin, mit dem ich während fünf Jahren zusammengearbeitet habe, hat einerseits bei Filmzeitschriften wie der Ihren gearbeitet, die gleich nach dem Krieg zu erscheinen begannen. Weil Bazin aber gute Filme auch dem breiten Publikum näherbringen und nicht nur über Fachzeitschriften Leute ansprechen wollte, die das Kino bereits lieben, arbeitete er andererseits auch als Filmkritiker grosser Zeitungen wie «Le journal quotidien» oder «Le parisien libéré» – eine Zeitung, die wirklich sehr nahe beim Publikum und sehr beliebt war.
Ich
denke, der Kampf ist noch derselbe.
Die Cinephilie nimmt nur andere Formen an.
filmbulletin Erzählen Sie etwas über
den Filmclub
«Objectif 49».
jean-charles tacchella
Die
Filmbranche war damals ein sehr
geschlossenes System. Um
einen eigenen Film realisieren zu können, musste man bei gegen dreissig
Filmen
als Assistent mitgewirkt haben. Deshalb debütierte auch nur alle drei,
vier
Jahre ein neuer Regisseur. Es
war sehr kompliziert, Filmemacher zu werden - und da
man keine Filme machen konnte, gründete man wenigstens einen Cinéclub
(lacht).
In
diesen Klubs kamen Filminteressierte zusammen, um über das Kino zu
reden, man
sah sich Filme an und diskutierte nächtelang. All
diese Cinéclubs
- die unmittelbar nach dem Krieg überall im Land entstanden - waren
aber
filmhistorisch ausgerichtet und zeigten nur ältere Filme. «Objectif
49» dagegen sollte
zukunftsgerichtet sein, ein Filmclub, der neue Filme zeigt: Filme, die
keinen
kommerziellen Erfolg hatten, wenig bekannt und nicht im Verleih waren. Die
Gründer
von «Objectif 49» wollten eine neue Avantgarde schaffen, wollten die
Grenzen
des Produktionssystems überwinden und träumten davon, selbst einen Film
wie citizen kane zu drehen - Orson Welles war nie
Assistent
gewesen und hatte auf einen Schlag diesen Film realisiert.
Geboren
wurde die Idee zu diesem neuartigen Cinéclub auf
dem Filmfestival von Venedig, in einem Gespräch zwischen Orson Welles,
Jean
Cocteau, Jacques Doniol-Valcroze und mir. Zu
den Gründungsmitgliedern zählten
ferner Pierre Kast, Claude Mauriac, Alexandre Astruc, Roger Leenhardt.
filmbulletin Und André Bazin.
jean-charles tacchella
Auch
Bazin natürlich. (lacht)
Er ist so wichtig,
dass ich ihn darüber vergessen habe. Jean
Cocteau war Präsident, und der
erste Film, den wir im Dezember 1948 zeigten, war sein les parents terribles.
Dieser
Filmclub hat sofort grosse Bedeutung erlangt,
überhaupt war der Winter 1948/49 ein bisschen ein historischer
Zeitpunkt: Im
Oktober 1948 hat Henri Langlois damit angefangen, täglich einen Film in
der
Cinémathèque an der Avenue Messine zu zeigen. Bis dahin hatte Langlois
auch
nur den Cinéclub «Le cerf du cinéma», wo er einen Film pro Woche zeigen
konnte
- aber mehr als anderthalb Jahre, seit 1947, hatte er nichts mehr
gezeigt. Er
nannte die Reihe, mit der er die Cinémathèque eröffnete, «Les cent
chefs
d'œuvres du cinéma» und hatte dazu hundert Meisterwerke aus der
Filmgeschichte
zusammengestellt. Die Cinephilen von Paris trafen sich damals - das
hielt
ein, zwei Jahre an - praktisch täglich: jeden Abend scharte man sich in
der
Cinémathèque um Langlois, und einmal pro Woche war der Treffpunkt
«Objectif
49» mit Cocteau - und das hat die Leute doch miteinander verbunden. Auch
die künftige Nouvelle
Vague, Truffaut, Godard, Chabrol, war dabei. Die Vorstellungen waren
allgemein
zugänglich, schwieriger war es allerdings einen Sitzplatz zu
ergattern. Das
Kino war damals sehr in Mode, und der Andrang war gross. Der
Saal in der
Cinémathèque - für travelling
avant
wurde das Entree im Studio rekonstruiert, weil er nicht mehr existiert
- hatte
nur fünfzig Plätze, aber man setzte sich halt auf den Boden.
«Objectif
49» machte auch Veranstaltungen, um die Filme
ein wenig zu erklären. Dafür
war im allgemeinen Bazin verantwortlich, auch Roger Leenhardt machte
sehr gute
Präsentationen - aber die besten machte Bazin. Sehr oft waren die
Leute, deren
Filme gezeigt wurden, anwesend und haben sich der Diskussion gestellt.
Jean
Grémillon. Der Schriftsteller Raymond Queneau, der das Kino sehr
liebte. Bazin hat
auch the
magnificent ambersons in
Anwesenheit von Orson Welles vorgestellt. Welles
hatte sich bis dahin geweigert,
sich den Film anzusehen, den er nicht mehr selber fertigstelIen durfte,
der
gegen seinen Willen um vierzig Minuten gekürzt und durch andere Szenen
ergänzt
wurde. Ich kannte Welles sehr gut - ich war der erste,
der ihn interviewte, als er
1947/48 von Amerika herüber kam - und sagte ihm, dass wir the magnificent ambersons
im «Objectif
49» zeigen würden: eigentlich sollte er doch dabei sein. Welles
brummte: Nein, er werde
nicht kommen. Tage später: er werde vielleicht kommen.
Als die
Vorstellung begann, war er nicht da, aber ich wartete bei der Tür, und
tatsächlich:
gleich nach dem Vorspann kam er. Nach derVorstellung erläuterte Bazin
den
Film, und Orson Welles, der wütend war, berichtete, was er gedreht
hatte, ohne
dass es verwendet wurde, und welche Szenen ohne ihn gemacht worden
waren.
Solche
Anlässe gab es im «Objectif 49» oft - aber geredet
wurde immer erst nach der Vorführung. Deshalb sagt
Nino, meine Figur in travelling
avant, als er seinen Cinéclub
eröffnet auch: «Wir wollen den Zuschauer nicht beeinflussen» - das war
so die
Idee von Bazin und uns, damals. Man zeigte den Film und nachher
befragte Bazin
- das war eine seiner Stärken - die Zuschauer nach ihren Eindrücken und
begann
dann, den Film aus diesen Publikumsreaktionen heraus zu erklären. Die
Leute
sollten selbst eine Meinung haben, mit der er sich dann
auseinandersetzen
konnte. Des öftern widersprach er diesen Meinungen heftig, denn es
wurden
natürlich auch Dummheiten geäussert, aber er wollte, dass die Leute
begreifen,
weshalb das, was sie sagten, falsch war.
Bazin
war ganz bei sich selbst, wenn er öffentlich
sprach, er war etwas tuberkulös, hatte Rachitis. Wenn
er auf die Bühne kam, stammelte er
und stotterte leicht. Aber was er zu sagen hatte, war so
leidenschaftlich, dass
die Leute schnell in seinen Bann gezogen wurden und aufmerksam
zuhörten. 1948/49 war
André Bazin der grösste, der erste Kritiker und das Vorbild einer
ganzen
Jugend. Als ich ihn, 1945, kennenlernte, war er noch ein kleiner
Kritiker unter
Kritikern. Ich war 19, er 26 - gestorben ist er mit 40 -, und in der
Zeit, als
er sich, durch die Thesen, die er verfocht, die Standpunkte, die er
vertrat,
zum bedeutendsten Filmkritiker entwickelte, habe auch ich mich etwas
entfaltet.
Dudley Andrew gab in seinem Buch, «André Bazin», eine etwas summarische
Darstellung
von dieser Entwicklung, und als Andrew nach Frankreich kam, sagte
Janine Bazin
- die Andre später kennengelernt hatte als ich - ich müsse das
unbedingt
ergänzen. Deshalb habe ich für die französische Ausgabe das Nachwort
«L'itinéraire d'André Bazin 1945-1950» verfasst, worin ich den «Weg
von André
Bazin» beschreibe, wie ich ihn miterlebt habe, denn damals sah ich
Bazin
praktisch jeden Tag.
Um
unsere Bestrebungen, die wir mit «Objectif 49» verfolgten,
zu vertiefen, organisierten wir im August 1949 dann auch noch das Festival
du Film Maudit in Biarritz - zu dem sich meine Protagonisten
am Ende von travelling
avant aufmachen. Zwar
gab es damals bereits das
Filmfestival von Venedig, das wichtig war, sowie Locarno und Cannes.
Die Filme
dieser Festivals wurden aber von den Regierungen der beteiligten Länder
eingereicht, und die Auswahl war sehr offiziell. Nicht, dass keine
guten Filme
gezeigt wurden, aber es gab eben auch all die unsäglichen Werke, die
nur dabei
waren, weil sie von den Ministerien vorgeschlagen wurden. Wir dagegen
kämpften
dafür, dass die Filme nach ihrer Qualität und nicht nach politischen
oder
wirtschaftlichen Gründen ausgewählt werden.
filmbulletin Können Sie uns einige
Titel von Filmen
nennen, die von Objectif 49 gezeigt wurden?
jean-charles tacchella
In
Biarritz wurden 1949 und 1950
jeweils um die vierzig Filme gezeigt. Ausserhalb
des Festivals haben wir wohl noch einmal hundert
Filme gezeigt. Unsere
kleine Bande hat sich im Bistro «Madrigal» an der
Champs Elysee versammelt, und wir haben besprochen, was gezeigt werden
soll,
haben Ideen gesammelt, Titel gesucht. Dann
wurden Kopien der Filme in der
ganzen Welt organisiert. Selbstverständlich waren wir uns nicht immer
einig, es
wurden auch Auseinandersetzungen geführt.
Die
Auswahlkriterien für die gezeigten Filme gingen in verschiedene
Richtungen. Einerseits
Filme, die noch nie in Frankreich gezeigt worden waren oder nicht
herausgebracht
wurden, wie ossessione
von
Visconti, the
southerner von
Renoir, mourning
becomes electra
von Dudley Nichols, die neue Fassung von Jean Vigos l’atalante,
dessen Kinofassung von den Verleihern massakriert
worden war, und den noch niemand richtig gesehen hatte. Andererseits
Filme von
Unbekannten, neuen Talenten wie der erste Film von Nicholas Ray they live by night,
ein Film von John
Steinbeck, forgotten
village, der
in Mexiko unter Mitarbeit von Steinbeck von Herbert Kline realisiert
wurde. Es gab
rare Sachen: unter
den brücken von
Helmut Käutner - ich war verrückt nach Käutner, nachdem ich romanze in moll nach
Maupassant von ihm
gesehen hatte: ein Meisterwerk, das ich angebetet habe. Wir zeigten
auch die
ersten Filme von Jean Rouch; einen wenig bekannten Film von Marcello
Pagliero roma
citta libera. Wir
haben uns mit allen neuen
amerikanischen Filmen auseinandergesetzt: Preston Sturges etwa, der
damals
sehr wichtig war. Die Filme von Wyler, die etwas über das
amerikanische System
aussagen wollten. crossfire
von
Dmytryk.
filmbulletin Wie wurden Sie 1945 Mitarbeiter der Zeitschrift «L’Ecran Français»?
jean-charles tacchella Ich kam unmittelbar nach der Befreiung nach Paris. Ich wollte Filme machen und war nach Paris gekommen, um herauszufinden, wie ich ins Filmgeschäft einsteigen kann. Ich war damals ziemlich verschlossen, in mich gekehrt und dem Kino vollständig verfallen. Jacques Becker habe ich aufgesucht, weil ich sein Assistent werden wollte, aber der hat sofort begriffen, dass ich nicht dazu geschaffen war, Assistent zu sein. Er hat mir aber freundlich versprochen, dass er mich vielleicht eines Tages nehmen würde.
«L’Ecran Français» wurde aus der Widerstandsbewegung heraus geboren und war die erste Filmzeitschrift, die nach der Befreiung zu erscheinen begann. Ich habe mich da vorgestellt und gesagt, dass ich vom Kino reden wolle. Ich wurde sofort eingestellt und habe mich um die Vorinformation gekümmert, habe Artikel geschrieben, auch die Archive betreut. Ich war neunzehn, also der Jüngste, habe mich für alles interessiert und vieles gemacht – ich habe sogar bei der Zeitschrift geschlafen. Zwar wohnte ich in einem Hotel in Paris, aber oft bin ich die ganze Nacht nicht in mein Zimmer gekommen, denn ich zog es vor, nach der Abend- oder Nachtvorstellung direkt auf die Redaktion zu gehen, um dort meinen Text zu schreiben – und habe mich dann noch etwas in die Sessel gelegt. Am Morgen blieb ich in der Redaktion, am Nachmittag, ab zwei Uhr, ging ich ins Kino und von Zeit zu Zeit wieder bei der Zeitschrift vorbei, um zu schreiben.
Das Team bei «L’Ecran
Français» damals war recht erstklassig. Da waren Bazin, Georges Sadoul,
Georges
Altmann, Jean Vidal, Nino Frank, Alexandre Astruc, Roger-Marc Therond;
es gab
Regisseure, die uns ihre Artikel brachten, wie Becker, Grémillon;
Renoir hat
uns Texte aus Amerika zugestellt, Chaplin ebenfalls. Es
war wirklich eine bemerkenswerte Publikation, die übrigens wöchentlich
erschien
- üblich war eine monatliche Erscheinungsweise. Die
Auflage muss
zwischen 150 000 und 200 000 gelegen haben, und dennoch waren wir eine
kleinere
Zeitschrift, die vor allem die intellektuelle Jugend ansprach.
Populärere
Filmzeitschriften wie "Cineémonde», «Cinévie», «Cinévogue»,
"Ciné-Miroir» hatten weit höhere Auflagen, waren aber auch
kommerzieller.
filmbulletin Stand hinter «L'Ecran
Français» eine Philosophie,
was war das redaktionelle Konzept?
jean-charles tacchella
Es
gab verschiedene Chefredaktoren,
die einander folgten und die Zeitschrift unterschiedlich prägten. Zunächst
standen Jean Vidal
und Jean-Pierre Barrot an der Spitze. Damals
war «L'Ecran Français» wirklich
die Zeitschrift all jener Leute, die sich ernsthaft mit dem Kino
auseinandersetzen wollten. Obwohl
es unterschiedliche Strömungen gab, war die Zeitschrift während vier
oder fünf
Jahren sehr offen. Auseinandersetzungen
fanden innerhalb der Zeitschrift
statt - und jeder respektierte den andern.
1949,
als wir «Objectif 49» machten und uns für eine neue
Avantgarde einsetzten, wurden wir - insbesondere Bazin, Roger-Marc
Thérond und
ich - von jenen, die politisch orientiert waren und linker standen als
wir,
angegriffen und des Formalismus bezichtigt - ich habe mich etwa für
Hitchcock
geschlagen, damals, als noch viele gegen ihn waren - aber wir konnten
die
Avantgarde in der Zeitschrift verteidigen. Die
Verantwortlichen und die Leser
schätzten die Kontroverse - einmal wurde sie sogar öffentlich, von
Angesicht
zu Angesicht, geführt. «L'Ecran
Français» organisierte am 10. März
1949
eine Debatte über die Neue Avantgarde: «L'Avant-Garde au Cinéma»,
zwischen
traditioneller und «neuer» Kritik im «Maison de la Pensée». Gegenüber
standen sich Sadoul
und Bazin als Anhänger der «politischen» beziehungsweise der
«formalen»
Richtung. Nach der Veranstaltung wurde die Debatte im Saal und
schliesslich auf
der Strasse weitergeführt bis um fünf oder sechs Uhr in der Frühe.
Diese
Auseinandersetzung war zu diesem Zeitpunkt noch friedfertig - erst ein
Jahr
später folgte der Bruch.
Ein
erster Einschnitt erfolgte bereits mit Pierre Barlatier als
Chefredaktor. Er
wurde,
nach kurzer Zeit schon, von Roger Boussinot abgelöst, und damit bekamen
die
Kommunisten «L'Ecran Français» in Griff. Diese
Perioden waren durch ideologische
Positionen bestimmt, weIche die Zeitschrift fast völlig uninteressant
werden
Iiessen. Es war der Anfang vom Ende und führte im März 1952
zur Einstellung der
Publikation - «L'Ecran Français» starb an Auswüchsen linker Politik.
Diese
Entwicklung war nicht zuletzt eine Folge des Kalten
Krieges, der durch den Koreakrieg starken Auftrieb erhalten hatte. Man
lebte damals unter dem
Eindruck eines unmittelbar bevorstehenden dritten Weltkrieges, und
diese
Atmosphäre veränderte das politische Klima. Man konnte nicht mehr vom
Kino
reden, konnte kein Wort mehr sagen, ohne dass es politisch vereinnahmt
wurde -
es war schrecklich. Auch
der Cinéclub «Objectif 49» und mit ihm das «Festival
du Film maudit» sind ein bisschen an diesem Klima gescheitert. Als der
Koreakrieg
dann beendet war, gab es aber wieder einen künstlerischen Willen, der
Ausdruck
und Beachtung fand. Mit
den «Cahiers du Cinema» - die vor allem zwischen 1952 und 1954 stark
gelesen
wurden, ab 1951 erschienen und gegen 1954 ihre Form fanden - gab es
eine
Gegenreaktion: da wurde diese Bewegung, die wir eingeleitet hatten,
wieder
aufgenommen und erneuert.
filmbulletin In
der Folge waren
Sie Chefredaktor der Zeitschrift «Cine-Digest».
jean-charles tacchella
Nach
dem Bruch zwischen den Fraktionen
bei «L'Ecran Français» habe ich
«Ciné-Digest» gegründet, um eine Art
Gegenzeitschrift
zu haben, in welcher die Themen, die uns mit Objectif 49 wichtig
geworden
waren, weiter verfolgt wurden, und um die Sache etwas
auszugleichen. Bazin gab
mir Texte, Astruc auch. «Ciné-Digest» - damals waren
die «Digests» sehr in Mode
- war eine Monatszeitschrift im Kleinformat, und man konnte da doch
sehr
Substantielles übers Kino lesen. Es gab close ups von
Regisseuren,
Schauspielern; es wurde über Dreharbeiten berichtet - die Ausgaben
waren sehr
reichhaltig. Die Zeitschrift gab es ein Jahr, anderthalb Jahre, es
erschienen
12, 13 Ausgaben, dann musste abgebrochen werden, weil es kein Papier
mehr gab.
1949/50 gab es noch zu wenig Papier für Zeitschriften, und die erste
Aufgabe
eines Verlegers war, Papier zu beschaffen. Wir hatten zwar einen
Papiervorrat,
wurden aber gerade deswegen von einer anderen Publikation aufgekauft.
filmbulletin
Sie haben ein Essay
über die Dramaturgie des Kinos geschrieben, das nie veröffentlicht
wurde. Was
war das Konzept dieser Dramaturgie?
jean-charles tacchella
Pierre
Braunberger, ein Produzent, für
den ich damals schon etwas gearbeitet habe, stellte mich einem Verleger
vor und
sagte zu mir: «Sie müssen ein Essay über die Dramaturgie des Kinos
schreiben.»
Das war 1952, Papier war wieder vorhanden, und man konnte wieder Bücher
machen.
Als ich aber mein Büchlein beendet hatte, liess sich mein Verleger,
eines
Nachts in Paris auf dem Heimweg, überfahren, und kein anderer Verleger
wollte
meine Dramaturgie des Kinos publizieren.
Es
ging in diesem Essay vor allem darum, den Mechanismus
dramaturgischer Situationen des Kinos mit dem des Theaters oder des
Romans zu
vergleichen. Ich
wollte die reine Dramaturgie des Kinos herausarbeiten und zeigen, wie
eine
Situation im Film nichts mehr mit einer Situation im Theater oder in
einem
Roman zu schaffen hat. Aus der Sicht des Films war das noch nie gemacht
worden.
Ich habe auch die Entwicklung kinospezifischer dramatischer
Situationen quer
durch die Filmgeschichte analysiert. Die Untersuchung endet mit dem,
was ich
bis 1952 gesehen hatte, und wäre heute noch wertvoll, wenn sie
fortgeschrieben
und durch ein Studium seitheriger Entwicklungen ergänzt würde.
Ich
drängte Bazin immer dazu, eine Geschichte der
technischen Découpage, der Filmsprache, der écriture
cinématographique
zu schreiben. Ich sagte zu ihm: «Nur du kannst das schreiben.» Das
wurde nie
gemacht. Die Filmkritik ist immer noch vor allem thematisch orientiert.
Man
interessiert sich für Inhalte und Themen, aber kaum für die écriture.
Dabei ist
der Stil der wirkliche Ausdruck des Films, und ich verstehe nicht, dass
es
keine Filmgeschichte quer durch die Geschichte der Découpage, die
Geschichte
der Narration in Bildern, gibt. Niemand schreibt das, obwohl es die
Basis des
Kinos ist. Man müsste die Wahl der Einstellungen bei Stroheim,
Griffith,
Welles, Leo McCarey studieren. Den Stil ihrer Filme, in ihrem eigenen
Ausdruck
in Betracht ziehen, analysieren, wie die einzelnen Filme
voranschreiten, wie
sie sich entwickeln – oder eben nicht entwickeln. Niemand hat das je
untersucht
und beschrieben – und ich verstehe nicht: warum?
Natürlich
ist es anspruchsvoll, das weiss ich wohl. Das grosse Publikum wird sich
auch
nie dafür interessieren, aber Leute, die mit Filmen zu tun haben,
müssten sich
doch damit auseinandersetzen. Ich treffe oft Studenten der IDHEC in
Paris und
andere Filmschüler. Einmal habe ich vor solch einer Gruppe von der
Geschichte
der Decoupage gesprochen, habe Beispiele filmischer Auflösung bei
grossen
Autoren vorgestellt, die zu studieren wären, bevor man selber Filme
macht. Es
wurde mir aber bedeutet, dass sich niemand dafür interessiert.
Spielberg war
gerade noch das höchste, für das sie sich erwärmen konnten - es war
jämmerlich. Dabei wäre eine ganze Sprache zu lernen.
filmbulletin
1945 kamen Sie nach
Paris, mit der erklärten Absicht, Filme zu drehen. 1973
realisierten Sie Ihren ersten
Spielfilm. Warum
hat das so lange gedauert?
jean-charles tacchella
Parallel
zu meiner Tätigkeit als
Filmkritiker und Journalist begann ich 1949 schon, auch beim Film zu
arbeiten -
als Ghostwriter und als Szenarist, da es mir nicht gelang, Regisseur zu
werden.
Wer eigene Filme
machen wollte, war damals noch gezwungen, dies innerhalb des
vorhandenen
Produktionssystems zu tun. Noch
gab es zwar neue Namen, die sich als Regisseure
etablieren konnten, wie Astruc, Roger Leenhardt, der les dernieres vacances, Melville, der le silence de la mer realisierte,
Jacques
Tati. Ab 1950
aber kamen dann keine neuen Regisseure mehr: das System war noch
geschlossener
geworden. Ich habe mich während Jahren bei Produzenten bemüht, habe
immer
wieder Sujets vorgeschlagen, meine Szenarien vorgelegt und erklärt, was
ich
machen möchte. Aber
ich habe meine Projekte wohl nie sehr gut verkauft,
denn eines Tages hat ein Produzent zu mir gesagt: «Mit dir ist es
wunderbar,
wenn du ein Sujet vorschlägst, sieht man sofort dessen Schwächen.» Man
wollte
mich einfach nicht als Regisseur, und deshalb musste ich die Stoffe
verkaufen.
Ab 1952, 1953 habe ich dreissig oder vierzig Filme als Drehbuchautor
realisiert
und war Ende der fünfziger Jahre einer der meist beschäftigten Autoren
in Paris
- ich schrieb fünf oder sechs Filme im Jahr.
Dann
kam die Nouvelle Vague. 1959/60 wurde in
Frankreich das System
«d'avance sur recette» geschaffen. Die Idee dazu entstand 1959 unter
Malraux
als Kulturminister. Junge
Regisseure konnten nun Drehbücher beim Centre du
Cinéma einreichen und jedem Produzenten, der sich entschied, ein von
der
Kommission ausgezeichnetes Drehbuch zu produzieren, wurde ein
«Vorschuss auf
die zu erwartenden Einspielergebnisse» ausbezahlt. Dieses
System ermöglichte immerhin das
Debüt einiger junger Cineasten, die es ohne «avance sur recette» nicht
geschafft hätten - und wurde später überall kopiert: endlich half der
Staat der
Herstellung von Filmen junger Autoren.
Was
nun geschah, das war dann eigentlich fast zum Lachen: Jetzt, da es
plötzlich
auch mir möglich schien, eigene Filme zu machen, sagten all die
Produzenten,
die ich kannte und die es in der Nouvelle Vague jungen Leuten
ermöglichten,
Regisseure zu werden, zu mir: «Aber nein, schreib weiter Drehbücher, du
verstehst doch, dass es an Drehbuchautoren mangelt», und: «Nein, du
bist zu
bekannt - Nouvelle Vague, das sind die Unbekannten». Jetzt war
Bekanntheit also
plötzlich «schädlich».
Nach
1962 habe ich aufgehört, Drehbücher für andere zu schreiben, und 1969
habe ich
dann meinen ersten eigenen Film realisiert. Mir sind viele Projekte
ins Wasser
gefallen. Aber
schliesslich habe ich mein Ziel doch noch erreicht -
und nicht zuletzt dank den Veränderungen im französischen
Produktionssystem,
die die Nouvelle Vague mit sich brachte. Dennoch:
ein langer Weg, der mir zur
Regie hin inszeniert wurde.
Um
Gelder für einen Film zu erlangen, habe ich mich aber nie verraten. Ich
habe
immer in völliger Freiheit die Filme gemacht, die ich machen wollte.
Zwar habe
ich wenig Filme realisiert, dafür aber immer hundertprozentig das
gemacht, was
ich machen wollte, auch stilistisch. In meinen Filmen habe ich
Persönlichkeiten
oder Epochen dokumentiert, die mich interessierten. Vor allem
fasziniert es
mich, das alltägliche Leben auf der Leinwand zum Leben zu erwecken -
ich liebe
die Augenblicke, wo etwas gerade dann zum Leben erwacht, wenn es
gefilmt wird,
wenn ich spüre, dass wirkliches, wahres Leben entsteht. Was
ich in den
Filmen so liebe, sind die Augenblicke, in denen Realität einbricht,
Augenblicke, die den Eindruck machen, echter zu sein als das Leben
selbst.
filmbulletin Die Kirche, die man in travelling avant sieht, ist das wirklich die Kirche, vor der Jean Vigo die Anfangsszene zu l’atalante gedreht hat?
jean-charles tacchella
Jaja,
ganz genau. Das
ist in Maurecourt im Departement
Oise. Vigo hat nach meinen Informationen zwei Tage da gedreht: den
Anfang, die Hochzeit, die von einem kleinen Jungen und einem
kleinen Mädchen angeführt wird, am Ufer der Oise. Ich habe alle
Schauplätze
gefunden, ausser dem Standort in einer kleinen Strasse von Maurecourt,
wo am
ersten Drehtag das berühmte Foto von Jean Vigo und seiner Frau, mit
diesen Blumen
im Arm, aufgenommen wurde. Und dazu gibt es eine ergreifende
Geschichte: Als
ich angekommen bin, um diese Szene entlang der Kirche zu drehen – exakt
am
selben Kamerastandort, mit exakt derselben Musik (Françoise Jaubert,
die
Tochter von Maurice Jaubert, hat mir die Rechte überlassen, damit ich
die selbe
Musik aufzeichnen konnte, wie ihr Vater sie damals aufgenommen hat, in
der
ersten Einstellung von l’atalante):
zwei Akkordeons und falsche Glocken –, erwartete mich auf dem
abgesperrten,
leeren Platz vor der Kirche ein kleinerer Mann, der zu mir sagte: «Ich
helfe
Ihnen, denn ich war der kleine Junge, der die Hochzeit angeführt hat in
der
Anfangsszene von Vigos Film.»
Er
war acht, als Vigo ihn ausgesucht hatte, 1933. Später führte er mich
auch zur
Stelle, wo das Foto gemacht worden war, die sich in fünfzig Jahren
nicht sehr
verändert hat. Einige
Journalisten, die dabei waren, machten nun auch
eine Aufnahme von mir und meiner Frau, und ich habe mir versprochen,
die Bilder
eines Tages rahmen zu lassen - es ist schon eigenartig, wenn man
bedenkt, dass
Vigo ein Jahr nach dieser Aufnahme am 5. Oktober
1934 im Alter von nur 29 Jahren
gestorben ist.
Ich
war immer verrückt nach den Filmen von Vigo, aber es
ist trotzdem eigenartig, was sich in meinem Leben alles mit Vigo
verbindet:
Für meinen ersten Kurzfilm, les
derniers
hivers, der von einem letzten Zusammentreffen eines alten
Mannes von 85
und einer alten Frau von 119 Jahren erzählt, habe ich als meinen ersten
Preis
überhaupt einstimmig den Prix Jean Vigo zugesprochen
erhalten. Damit
aber nicht genug: Nachdem les
derniers
hivers gemacht war, habe ich ihn gezeigt. Keine
Reaktion. Ein schöner Film, sagten
einige Leute. Nur
das, bis eines Tages jemand im Centre du Cinéma meinen
Film zum «Preis Jean Vigo» einreichen wollte - und zwar Luce
Vigo, die
Tochter von Jean Vigo, die damit die erste war, die meinen Film
entdeckte. Ein
weiterer lustiger Zufall wollte es, dass sie auch bei der Premiere von
travelling avant
wieder dabei war,
obwohl die bei einem kleinen Filmfestival in Porto-Vechio auf Korsika
gemacht
wurde, einfach weil Luce dort ihre Ferien verbrachte.
Ein
grossartiger Regisseur, den ich persönlich gekannt,
mit dem ich sogar etwas gearbeitet habe und von dem in travelling avant
ebenfalls die Rede ist, war Erich von
Stroheim. Als er
nach dem Krieg nach Frankreich zurückkam, lebte er in Maurepas, in der
Nähe
von Paris auf dem Land, schrieb wieder Drehbücher und hoffte
Produzenten zu
finden. Als junger Journalist habe ich ihn interviewt, und wir waren
uns
sofort sympathisch. Er gab mir seine Drehbücher zu lesen und fragte
mich, was
ich von ihnen halte. Ich war bei ihm, und wir haben etwas gearbeitet.
Aus
seinen Szenarios wurden manchmal Romane, die als Bücher herausgekommen
sind:
«Paprika», «Les feux de la Saint-Jean» etwa, bei dem ich etwas
beteiligt war.
Ich
habe Stroheim bewundert und hatte dann sogar die
Ehre, den letzten Abend, bevor er nach Amerika fuhr, um sunset boulevard zu
drehen, mit ihm und
zwei, drei seiner Freunde zu verbringen. Wir
waren in einem Hotel an der Champs
Elysee, haben Wein getrunken, und mir fiel auf, dass er sehr traurig
war. Ich
sagte also: «Das ist doch schön, Sie fahren nach Amerika, um mit Billy
Wilder
zu drehen», und er antwortete: «Wenn der Film herauskommt, werden Sie
erkennen, dass ich nie mehr einen Film realisieren kann, weil man mich
als
Regisseur nicht mehr ernst nehmen wird.» Und er hatte natürlich recht. Was
er in sunset
boulevard zu
spielen hatte - diesen alten Regisseur, der einem Ex-Star des
Stummfilms als
Chauffeur dient - macht einen alt gewordenen, aber genialen Regisseur
schon
etwas lächerlich.
filmbulletin Messen Sie dem Titel Ihres Filmes besondere Bedeutung bei?
jean-charles tacchella Ich wählte einen Fachausdruck als Titel, weil ich mit dem Film und vor allem mit einzelnen Einstellungen im Film die Filmsprache ein wenig erklären und auf vergnügliche Weise ein wenig ein besseres Verständnis dafür herstellen wollte.
Eine Einstellung in travelling avant – ein travelling avant eben – ist mir deshalb sehr wichtig, weil da die mise en scène ein wenig erklärt wird: Nino und Barbara haben kalt, die beiden sitzen mit Decken über den Schultern vor fast leeren Tellern, und sie sagt, er gleiche Charlie Chaplin in the gold rush. Er versucht nun, Charlot bewusst etwas zu imitieren. Überblendung. Nun sitzen die beiden auf dem Bett und sind dabei, eine Flasche Whisky zu leeren.Ein travelling avant beginnt. Sie sitzen etwas auseinander, und Nino sagt: «Trink noch ein wenig, das wärmt» – und die Kamera bewegt sich langsam vorwärts, ganz leise auf die beiden zu.Er schwatzt etwas, spricht von filmischer Inszenierung: «La mise en scène c’est tout ce qu’on apporte ou retranche au scénario.» Das ist eine einfache Definition der mise en scène, die einfachste, die man finden kann: filmische Inszenierung ist alles, was man dem Drehbuch beifügt oder weglässt – sie ist von Bazin, nicht von mir, aber ich finde sie sehr schön und sehr treffend. Und Barbara antwortet: «Wenn du jetzt eine Kamera hättest, wie würdest du uns aufnehmen?» Die Kamera fährt noch immer auf die beiden zu, ist aber schon ziemlich nah. «Um zu wissen, wo er die Kamera aufstellen soll, muss der Regisseur die Absichten seiner Figuren kennen», meint Nino, «aber ich kenne die deinen nicht.» In diesem Augenblick geht ihr Kopf langsam aus dem Bild, da die Kamera auf Nino schwenkt, der ergänzend hinzufügt: «Was mich betrifft, weiss ich nicht einmal, ob ich welche habe», während die Kamera ihre Bewegung fortführt, aufs Dekor geht und auf einem Plakat vom Cinéclub stehen bleibt.
Das Publikum ist sich im allgemeinen nicht bewusst, was ein Regisseur macht – er dirigiert ein wenig die Darsteller und sagt, wo die Kamera aufgestellt werden soll. Gut, einverstanden. Aber das kann ganz unterschiedlich gemacht werden. Durch meine Découpage möchte ich das Publikum etwas für die Feinheiten sensibilisieren, die bei der mise en scène möglich sind.
Wenn ich davon rede, was Lubitsch gemacht hat, zeigen die Teller, wer sich in wen verliebt hat und welche Figur das Feld räumen muss. Das ist kein exaktes Zitat, aber die Interpretation einer Szene aus Lubitschs angel. Ganz anders die Szene, in der ich Bogart und Bacall zitiere, denn diese Szene habe ich so gefilmt, wie sie in to have and have not zu sehen ist. Ich habe meinen Schauspielern mehrfach die Kassette gezeigt, weil ich wollte, dass sie genau so spielen, genau so schauen, wie Bogart und Bacall in der Szene vor der Einstellung, in der Lauren Bacall sagt: «Wenn du mich willst, brauchst du nur zu pfeifen» – und genau so pfeifen. Es gibt Anspielungen in travelling avant, mit denen ich mich amüsiere, und andere, wo ich mehr auf Distanz gehe. Wenn von Hitchcock die Rede ist, entspricht meine Auflösung in Einstellungen keineswegs derjenigen von Hitchcock – die Entsprechung liegt eher in der Ambiance, die ich mit “seiner” Musik schaffe.
In einigen Szenen wird die Découpage auch unmittelbar reflektiert. Etwa im Spital, gegen Ende des Films, wo Nino und Donald sich vorstellen, wie sie die Situation, in der sie sich befinden, dramatisieren würden. Donald beginnt: «Einstellung von der Klingel. Eine Hand, die von Barbara. Sie versucht, die Klingel zu erreichen. Eine Krankenschwester. Sie kommt herein, schenkt ihr aber keine Beachtung. Die Spannung steigt.» Die Kamera zeigt, was Donald erklärt, dann eine Einstellung auf Barbara, die unbemerkt den beiden zuhört. Nino: «Damit bin ich nicht einverstanden.» Schnitt auf Nino. «Der wahre Suspens ist schlicht. Zeig das Gesicht von Barbara, ihren Blick …», Schnitt auf Barbara, Nino im off: «… wenn sie ihre Augen zum ersten Mal öffnet» – und die Einstellung zeigt, wie Barbara die Augen öffnet.
All das
habe ich erfunden und dann gedreht, um das Verständnis für die mise en
scène
ein bisschen zu fördern – obwohl es illusorisch sein könnte. Vielen
Leuten, die
Filme sehen, ist nicht einmal bewusst, dass es Einstellungen gibt,
Schnitte,
dass die Kamera sich bewegt – und dass das Kino ist, dass diese écriture
Kino ausmacht und den Wert der Filme bestimmt: die guten von den
gewöhnlichen
unterscheidet.
Mit
Jean-Charles Tacchella unterhielt sich Walt R. Vian
© Walt R. Vian, Filmbulletin - Kino in Augenhöhe (Erstmalsabgedruc kt in Filmbulletin 1.1988)