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Ludwig Wüst bei der Preisverleihung des Kodak Analog-Filmpreises an der Diagonale 2023. Bild © Diagonale / Sebastian Reiser

Analog hält sich – Ludwig Wüst gewinnt den Kodak-Preis der Diagonale

Am Filmfestival in Graz zeigt sich, dass analoges Filmen nicht retro oder eine Nischenangelegenheit ist, sondern eine Stilfrage. Geehrt wird mit AM HERE! dieses Jahr das Werk eines Quereinsteigers.

Text: Noemi Ehrat / 25. März 2023

Totgesagte leben länger. Neben der Schallplatte hat auch der lichtempfindliche Streifen die digitale Revolution überlebt – sei es in der Fotografie oder im Film. Unangefochtener Marktführer für Farbfilm oder – zumindest im Kinofilm – letzte Anlaufstelle, ist Kodak. Der Name der Marke ist schon fast Synonym mit satten Farben und feinem Korn. Auf der Kinoleinwand ist die Ästhetik des US-amerikanischen Herstellers trotz digitaler Projektionen populär. So waren vergangenes Jahr 26 mit Kodak geschossene Filme am Filmfestival in Cannes zu sehen, darunter Marie Kreutzers Corsage oder Charlotte Wells Aftersun (beide 35mm).

Während die markeneigenen Filmpreise in den USA, die schon Quentin Tarantino oder Greta Gerwig gewonnen haben, international bekannt sind, verleiht Kodak auch an der Diagonale in Graz, Österreich seit fünf Jahren einen mit 1'500 Euro dotierten Sachpreis für das beste analog gedrehte Werk.

Dieses Jahr wird der österreichische Filmemacher Ludwig Wüst für seinen Spielfilm I AM HERE! – auf 16mm gedreht – über die Freundschaft zweier inzwischen erwachsener Menschen ausgezeichnet. Dieser Entscheid mag überraschen, wurden in der Vergangenheit doch Filmschaffende wie Tizza Covi und Rainer Frimmel geehrt, die dafür bekannt sind, fast ausschliesslich analog zu arbeiten. Wüst hingegen musste gemäss eigener Aussage «einen langen Weg gehen», um überhaupt auf analogen Film zu kommen – er hat erst rund ein Dutzend Filme digital gedreht, bevor er sich an analoges Material gewagt hat. Zudem mag er zwar seinen neuesten Film mit Kodak gedreht haben. Doch komplett konvertiert ist er nicht. «Beide Formate – digital und analog – werden für künftige Arbeiten sehr wichtig sein», sagt er. Bereits arbeitet er an einem neuen Projekt namens #love, worin er Handyaufnahmen mit solchen von einer Gopro und Super 8 kombinieren wird.

Aufzeichnungen aus der Unterwelt 02

Gewinner 2021: Aufzeichnungen aus der Unterwelt von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Bild © Vento Film

Wüst sieht den Preis aber als Ermutigung, weiterhin parallel digital und analog zu arbeiten. Für I AM HERE! hat der Filmemacher übrigens nur drei Takes gemacht – aus Budgetgründen, aber auch, weil er kein Fan vieler Takes sei. «Ich bin lieber in der Vorbereitung genau», sagt Wüst. Die analoge Arbeit verlange einem eine fast buddhistische Haltung ab: «Man weiss, man ist jetzt da und muss alles in diesen Moment hineinlegen», sagt Wüst, der dafür auch von seiner Erfahrung als Theaterschaffender, Maler, Musiker und Schreiner profitieren kann. «Alles analoge Tätigkeiten», wie er sagt.


Zweistellige Zuwachsraten – auf tiefem Niveau

Michael Boxrucker, selbst Kameramann, Kodak Account Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz, will aber nicht von einem Analog-Hype sprechen. «Seit ich bei Kodak arbeite, verzeichnen wir im deutschsprachigen Raum jeweils zweistellige Zuwachsraten im Vergleich zum Vorjahr», sagt er. Zwar mache analoger Film weltweit gesehen nur einen kleinen Teil des Marktes aus. «Doch der Stellenwert von analog gedrehtem Film ist hoch», erklärt er mit Verweis auf die vielen an Festivals gezeigten und nominierten analogen Filme.

Für ihn ist klar: Analoger Film sei immer noch die Benchmark, auch für digitale Projekte. Zwar könne man gewisse Sachen nur bedingt auf Film drehen, digitale Kameras seien einfach lichtstärker: Während der lichtstärkste Kodak-Film eine Empfindlichkeit von 500 ASA hat, liegt diese im digitalen Bereich bei bis zu 2500 ISO. «Doch ich ermutige immer alle Filmschaffenden zu überprüfen, ob sich nicht eine analoge Umsetzung des Projekts anbieten würde». Und was ist mit digitalen Filmen, die den beliebten körnigen analog-Look künstlich simulieren? «Absolut lächerlich», so Boxrucker.

Zum Preisträger Ludwig Wüst sagt Boxrucker: «Er hat das Material technisch und handwerklich so eingesetzt, dass eine Symbiose von Filmmaterial und Inhalt klar erkennbar ist». Mit dem Preis wolle man zudem die Wertschätzung zu Wüsts Zugang zum Analogen als Quereinsteiger ausdrücken.

I Am Here Ludwig Wüst

I AM HERE! von Ludwig Wüst. © Studio Wüst

Wenn das Geld wegrattert

Auch wenn Boxrucker das Wort «Hype» ablehnt – am Kodak-Empfang an der Diagonale waren die Kodak-Totebags, -Schlüsselanhänger und Caps innert kürzester Zeit weg. Insgesamt waren 16 Prozent der Filme, die an der diesjährigen Diagonale gezeigt wurden, analog gedreht. Darunter auch Jedermann und ich – Ein Porträt in 3 Kapiteln von Katharina Pethke und Philipp Hochmair.

Pethke, die von 2012 bis 2019 zudem Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg war, beschreibt das analoge Arbeiten als «magischen und auch körperlichen Prozess» – magisch insofern, als dass es im Dunkeln stattfinde und man das Resultat nicht sofort sehe. Und körperlich, da das Equipment schwer und teuer sei: «Durch das Rattern der Kamera hört man die Zeit und das Geld weglaufen». Wie Wüst schätzt sie daran, dass es einen zwingt, ganz im Moment zu sein und dass die Filmrolle nicht ein flüchtiges Medium, sondern ein physischer Gegenstand ist.

In Hamburg hat Pethke zudem den Verein «Analogfilmwerke» gegründet, wo Erstjahresstudierende Filme entwickeln, Kurse nehmen und geben. «Der Verein wurde aus der Not gegründet, weil die Hochschule eine alte Filmentwicklungsmaschine entsorgen wollte», erklärt sie. Einige hätten sich ab diesem Entscheid empört: «Das geht doch nicht, wir sind hier im Filmbereich einer Kunsthochschule». Gerade die Studierenden würden das Angebot schätzen. «Einige haben anfänglich Berührungsängste mit dem Analogen», sagt sie, doch das würde sich meist rasch legen. Viele bleiben dem Analogen treu.

Obwohl Pethke selbst je nach Thema sowohl digital wie auch analog arbeitet, sagt sie: «Wenn man mich zwingen würde, mich nur für eines zu entscheiden, dann auf jeden Fall für das Analoge».

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