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Electroboy 01

Electroboy

Würde man dem schlaksigen Mann in T‑Shirt und Shorts mit seinem kurzatmigen Mops auf der Strasse begegnen – nie und nimmer würde man ihm eine so spektakuläre Biografie zuschreiben, wie sie das Porträt Electroboy von Marcel Gisler enthüllt. Ein «schizophrenes Leben» habe er gelebt, meint der vierzigjährige Florian Burckhardt, der Protagonist des Dokumentarfilms, der – bleich, mit grosser Brille und etwas schleppendem Duktus – vor der Kamera sein Leben Revue passieren lässt

Text: Doris Senn / 05. Nov. 2014

Würde man dem schlaksigen Mann in T-Shirt und Shorts mit seinem kurzatmigen Mops auf der Strasse begegnen – nie und nimmer würde man ihm eine so spektakuläre Biografie zuschreiben, wie sie das Porträt electroboy von Marcel Gisler enthüllt. Ein «schizophrenes Leben» habe er gelebt, meint der vierzigjährige Florian Burckhardt, der Protagonist des Dokumentarfilms, der – bleich, mit grosser Brille und etwas schleppendem Duktus – vor der Kamera sein Leben Revue passieren lässt. Es gebe ein Vorher und ein Nachher, meint Florian. Vorher: 1974 als Sohn einer Mittelstandsfamilie in Basel geboren, Lehrerseminar, bis zum 21. Altersjahr zu Hause wohnend. Nachher und nach einem radikalen Bruch mit Familie und Umfeld: Hollywood, Modelkarriere, die grosse Liebe, Internetpionier. Zusammenbruch und Internierung. Gründung der legendären Partyreihe Electroboy. Wieder Abbruch und seither ein Leben als IV-Bezüger in Bochum. Die Diagnose: «Generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anteilen einer sozialen Phobie.»

Marcel Gisler vermittelt Florians ebenso unglaubliches wie eigenwilliges Leben in einem ausgreifenden 110-minütigen Dokumentarfilm. Gisler, der erst im letzten Jahr mit dem preisgekrönten Rosie nach fast fünfzehn Jahren seine Wiederauferstehung auf der Leinwand feierte, dürfte auf Anhieb viel Sympathie für den exzentrisch-genialischen «Electroboy» empfunden haben. In seinen Spielfilmen F. est un salaud (1999) etwa oder Die blaue Stunde (1993) standen ähnlich fragile wie lebenshungrige junge Männer, die sich den Verlockungen des Lebens ausserhalb gesicherter Normen ebenso hingaben wie verwehrten, im Zentrum.

Für Electroboy wagte sich Gisler an seinen ersten Dokumentarfilm – der aber bezüglich dramatischen Potenzials seinen fiktionalen Werken in nichts nachsteht. Und dies, obwohl vor allem Talking Heads dominieren: nebst Florian Menschen, die ihn gekannt haben. Gisler verknüpft sie in einer erfrischend unausgefeilten, deshalb aber nicht minder ausgeklügelten Montage gegen und miteinander. Da lässt er etwa Florian über seine Mutter erzählen, wechselt den Ton ins Off, während wir sie bereits im Bild haben und ihre Mimik ausloten können. Oder wir sehen das Elternpaar – in der Totale – zum Locarneser Grotto gehen, während wir hören können, wie sie über den Film sprechen und sich kabbeln.

Electroboy 02

Gisler macht die inszenierende Instanz hinter dem Dokumentarischen sichtbar, setzt sich mitunter selbst ins Bild: als Filmemacher, als Interviewer. Oder Florian verlässt das Set, den Bildausschnitt, der Dreh wird abgebrochen und wieder aufgenommen. Die Montage (Thomas Bachmann) erlaubt Überlappungen, Rekadrierungen, Schnittfolgen in unterschiedlicher Kadenz. Dies alles verleiht dem Film etwas Ungeschöntes, Skizzenhaftes bei einer gleichzeitig eigenwilligen Dynamik.

Dazu gehört auch, dass Electroboy – nachdem die Eltern in subtiler Verschränkung mit Florians Geschichte ins Spiel gekommen sind – nach vielen überraschenden Kehrtwenden noch einmal eine ganz neue Richtung einschlägt und ein weiteres Kapitel aus der Familiengeschichte (das hier nicht vorweggenommen sei) enthüllt. Der Fokus verlagert sich zum Schluss von Florian auf das Gesamtgefüge der Familie. Dabei legt Gisler ähnlich subtil wie Peter Liechti in Vaters Garten die innersten Mechanismen einer Familie und Zeitepoche frei, das «Triebwerk» einer Paarbeziehung, scheut sich nicht, den Finger auf die Wunden zu legen, und erhellt so die Hintergründe von Florians Geschichte. Dies alles lässt den Film zu einer aufregenden Entdeckungsreise werden, die noch ein Stück über die an sich schon sehr abenteuerliche Biografie der Hauptfigur hinausgeht.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 7/2014 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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