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En terrain neutre
© Agora Films

Kein Rückzug in die Berge: En terrain neutre

Filmemacher Stéphane Goël und Journalist Mehdi Atmani reisen um die Welt, um zu verstehen, was Neutralität tatsächlich bedeutet. Das Resultat ist eine satirische Suche ohne Erfolg.

Text: Nina Hurni / 29. Apr. 2026
  • Regie

    Stéphane Goël

  • Buch

    Mehdi Atmani, Stéphane Goël

  • Kamera

    Nicolas Veuthey

  • Schnitt

    Kevin Schlosser

  • Start

    4. Juni 2026

Was haben der Eremit Niklaus von Flüe, die Schweizer Diplomatin in New York und die Schlacht von Marignano gemeinsam? Sie haben alle mit der Schweiz zu tun. Spezifischer: mit der Neutralität – dem Prinzip, das mit Käse und Matterhorn zu den wohl drei ersten Dingen gehört, die einem zum kleinen Alpenstaat einfallen.

Die Neutralität der Schweiz ist eine militärische Strategie, ein politisches Argument, eine Identität, ein Mythos. Je genauer man sie anschaut, desto mehr zerfällt sie. So geht es jedenfalls Stéphane Goël und Mehdi Atmani, die gemeinsam En terrain neutre gemacht haben, um zu verstehen, was diese Neutralität eigentlich genau bedeutet.

Die Suche der beiden beginnt auf dem Feld, wo einst die Schlacht von Marignano tobte. Atmani steht verloren herum, Goël dirigiert ihn nach rechts, dann wieder nach links. Hier also bekam die Schweiz damals eins auf den Deckel und beschloss danach, dass sie mit Expansion nichts mehr zu tun haben will und fortan neutral ist – so die Zusammenfassung.

En terrain neutre 1

© Agora Films

In der Folge reisen Atmani und Goël in rasanten Schnitten durch die Zeit und um die Welt: zu einem Bunker des Reduits, der ein Hotel hätte werden sollen, an eine UNO-Verhandlung in New York, zu einer militärischen Übung. Archivmaterial mischt sich mit Interview-Settings in «hässlichen Büros», wie Atmani aus dem Off meint. Der Film bedient sich der Mittel einer klassischen Filmreportage, vermischt mit künstlerischen Elementen und satirischen Montagen.

Nie trocken, meistens witzig, versuchen sie, dem Prinzip auf den Grund zu gehen, und scheitern an den Worthülsenschlachten der Interviewpartner:innen, was ihnen aber wieder Schwung gibt für einen nächsten Schritt. So ist die Machart des Films stets auch Thema: Hintergrundinformationen, Regieanweisungen, Beleuchtungen, alles ist im Film enthalten und nimmt die Zuschauer:innen mit auf die scheiternde Suche nach Antworten. Allerdings verliert der Film mit der Zeit vor lauter interessanten Schauplätzen seinen dramaturgischen Faden und damit auch an Zug. So, wie das Thema der «Neutralität» im Laufe der Zeit seine Konturen verloren hat, zerfällt der Film zunehmend, verzettelt sich.

Der besondere Humor des Films liegt hingegen darin, dass nichts auf die Schippe genommen wird, sondern sich alles von allein lächerlich macht: die Initiant:innen der Neutralitätsinitiative mit ihrem furchtbaren Schweizer Hochdeutsch, das Militär, der Mitarbeiter auf der Botschaft in New York, der Schokolade anbietet und fragt: «Minor oder Munz?» Swissness sieht halt einfach wunderbar doof aus.

Ausschlaggebend für diesen Film, so erzählen Atmani und Goël aus dem Off, ist die krisengeschüttelte Zeit, welche die Neutralität auf eine neue Probe stellt: die Diskussionen rund um die Unterstützung der Ukraine im Krieg, die sogenannte Neutralitätsinitiative, die dieses Prinzip in der Verfassung verankern will.

En terrain neutre 2

© Agora Films


Die beiden Filmemacher, die unterschiedlichen Generationen angehören – Goël wurde1965 geboren, Atmani 1984 –, haben andere Zugänge, unter anderem auch, weil Atmani eine persönliche Geschichte mit der Schweizer Neutralität verbindet: Sein Vater, aus Algerien stammend, war immer sehr stolz darauf, weil die Neutralität ermöglichte, zwischen Frankreich und Algerien Frieden zu vermitteln. Für Goël hingegen war der Krieg immer eine Geschichte aus der fernen Vergangenheit, weshalb diese Fragen ihn nie umtrieben.

So liegt der satirischen Suche immer auch etwas Ernstes zugrunde, und der Film trifft meistens den richtigen Ton für die Situation. Als Atmani in der UNO-Versammlung sitzt und zuhört, wie ein Abgeordneter von Palästina um Hilfe bittet und Ignazio Cassis darauf kaum reagiert, ist denn auch vom Witz nicht mehr viel übrig.

Da zeigt sich wieder die Problematik der Neutralität: Ihr mythologischer Urvater – Niklaus von Flüe – war ein Eremit. Doch ein stilles Leben im Wald oder auf dem Berg kann die Schweiz nicht führen. Wann also einmischen, wann Stellung beziehen, wann klare Worte sprechen? Leider eben meist nur dann, wenn es gerade passt. Und sonst redet man sich mit der Neutralität einfach heraus, stellen Goël und Atmani zunehmend fest. Keine neue Erkenntnis, aber eine, die in der heutigen Zeit wichtiger denn je erscheint. Denn auch wenn einmal viele Leute an das Reduit glaubten, das Eremitendasein war und ist nie eine echte Option. Ausserdem sind heute nicht einmal mehr die Berge stabil.

 

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