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Fenster zum sommer 06

Fenster zum Sommer

Text: Stefan Volk / 07. Dez. 2011

Vom Ende her betrachtet ist der jüngste Film von Hendrik Handloegten nur ein weiteres Beispiel für den gescheiterten Versuch eines deutschsprachigen Genrekinos. Der Schluss von Fenster zum Sommer ist unoriginell, banal und so bieder inszeniert, als habe man Hollywoods Hochglanzspektakel auf öffentlichrechtliches Fernsehformat herunterzurechnen versucht. Im Showdown, der, so enttäuschend er ausfällt, im Einzelnen hier nicht verraten werden soll, versickert der Film wie ein müder und furchtbar provinzieller Abklatsch von Harold Ramis’ Groundhog Day.

Zieht man die Schlussviertelstunde jedoch einmal ab, ergibt sich ein völlig anderes Bild. Klar: neu und aussergewöhnlich ist die Zeitsprungidee von vornherein nicht. Wie könnte sie es auch sein, wo Fenster zum Sommer doch auf dem gleichnamigen Roman der Österreicherin Hannelore Valencak aus dem Jahr 1977 basiert. Und von einem Genrefilm ein unverbrauchtes Thema zu erwarten, ist ohnehin unsinnig. Das, was man von hochwertigem Genrekino aber durchaus verlangen darf, nämlich, dass es der alten Geschichte neue Facetten abgewinnt, sie auf eine eigene Weise erzählt, gelingt Handloegten lange Zeit wunderbar.

Alles fängt damit an, dass die Heldin des Films, die Übersetzerin Juliane, einen glücklichen Sommer in Finnland verlebt; frisch verliebt in August, einen Mann, der die schöne Jahreszeit im Namen wie im Herzen zu tragen scheint: ein fröhlicher, warmherziger, strahlender Typ. Doch dann geschieht das Unfassbare: Juliane wacht im Berliner Winter wieder auf, und zwar in dem Winter, bevor sie August kennenlernte. Unversehens findet sie sich in der längst überwunden geglaubten tristen Beziehung mit Philipp wieder, mit dem sie seit neun Jahren zusammenlebt und arbeitet, sich streitet und versöhnt, aber nicht glücklich ist.

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Mit wankenden Aufnahmen und leichten, aber ständigen Schrägen entzieht er dem fragilen Realitätsempfinden Julianes den Boden unter den Füssen. Als sie mit Philipp eine Wohnung besichtigt, erinnert sie sich nicht nur daran, das genauso schon einmal getan zu haben, sondern sie kann die Werbebroschürenworte, mit denen der Makler ihnen das Appartement anpreist, wortwörtlich vorhersagen. Entsetzt rennt sie davon. Sie hält es nicht aus, alles noch einmal genauso zu erleben. Aber das müsse sie doch auch gar nicht tun, meint Emilys kleiner Sohn Otto, als sie ihm ihre Geschichte erzählt, als handelte es sich dabei um ein Kindermärchen. Bis zu diesem einen entscheidenden Tag, an dem sie August begegne (in ihrem Märchen ist es ihr Vater), könne sie doch tun und lassen, was sie wolle.

Erleichtert beschliesst Juliane, diesen Rat zu beherzigen. Aber dann begegnet sie August vor der Zeit, und es geht schief. Verzweifelt versucht Juliane daraufhin, nun doch wieder alles ganz genauso zu machen, wie sie es schon einmal getan hat. Wirklich alles. Jeden einzelnen Handgriff. Die Flashbacks, die sich bis dahin als schlaglichtartig in das noch einmal gelebte Leben gedrängt haben, führen nun ins Leere und werden von sprunghaften Schnitten ersetzt, die Julianes überdeterminierten Alltag verhackstücken. Ihr Zusammenbruch lässt sich nicht aufhalten. Diesen Kollaps setzt Handloegten ausdrucksstark in Szene. Doch anders als Juliane wird sich der Film davon nicht mehr so recht erholen. Zwar wird es vorübergehend noch einmal richtig aufregend. Danach aber plätschert es seicht und ernüchternd dem Ende entgegen. Ein wenig geht es einem am Schluss wie Juliane am Anfang: Man wacht auf wie aus einem schönen, poetischen Traum und findet sich plötzlich in der plump verkitschten Wirklichkeit deutschen Hausmannskinos wieder.

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Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 8/2011 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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