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Schlafkrankheit 01

Schlafkrankheit

Text: Stefan Volk / 12. Juni 2013

Wenn das Kino Europäer nach Afrika schickt, dann selten ohne Kolonialnostalgie und Savannenromantik. Pittoresk und episch wird die breite Leinwand vollgepfropft mit Kulisse und Sonne, Kitsch und Magie. Ein Gegenmodell hält allenfalls der engagierte Film parat; mit postkolonial korrupten Konzernen, willfährigen Handlangern, Massakern und Kindersoldaten. Schwarzweiss regiert hier wie da. Gegen eine solche Bildtradition anzudrehen, erfordert Mut, Gespür und Hintergrundwissen. Ulrich Köhler hat sich das angeeignet. Durch gezielte Recherche und eigene Erfahrungen. Als Kind von Entwicklungshelfern lebte er jahrelang in Zaïre, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Seine Eltern kehrten dann nach Deutschland und später wieder nach Afrika zurück. Nähe und Distanz spiegeln sich auch in Köhlers Film wider; als kulturelle Reibefläche und in einer nicht nur wegen der Handkamera mitunter dokumentarisch anmutenden Perspektive, die ohne vorschnelle Urteile auskommt.

Vieles liegt im Dunkeln in Schlafkrankheit; von den ersten Einstellungen, in denen der Arzt und Entwicklungshelfer Ebbo Velten mit seiner Frau und Tochter Helen durch die kamerunische Nacht fährt, bis zum Ende des Films, an dem er mit einer Taschenlampe den Dschungel durchstreift. Scheinwerfer von Lastwagen blitzen zu Beginn auf; gefolgt von Lichtern eines Polizeipostens. Das Gemisch aus Ressentiments, negativen Erfahrungen, Frustration und Veteranenhochmut, das sich in Ebbo im Laufe seiner Afrikajahre zusammengebraut hat, erweist sich schon jetzt als hochexplosiv. Helen, die seit zwei Jahren im Internat in Deutschland lebt, findet ihren Pass nicht. Aber anstatt ihn zu suchen, lässt sich Ebbo auf ein Machtspiel mit den Polizisten ein. Wie ein Kinski-Epigone, unrasiert, mit zotteligem Haar und brodelnder Arroganz, fuchtelt er plötzlich mit der Pistole des Polizisten herum, hält sie sich provozierend an die Schläfe – und kommt damit durch.

Schlafkrankheit 02

Es folgen noch andere solch unsympathische, aber stark gespielte egomanische Auftritte im ersten und schwächeren Teil des Filmes, der davon erzählt, wie Ebbo seine Rückkehr nach Deutschland plant. Die schwärenden Befindlichkeiten im kleinfamiliären Dreieck exportieren mit ihren schablonenhaft abfotografierten und plump nachsynchronisierten Bildungsbürgerdialogen die sterile Geometrie nach Afrika, an der die «Berliner Schule» bisweilen krankte, der Köhlers frühere Arbeiten (Bungalow, Montag kommen die Fenster) zugerechnet werden. In Schlafkrankheit lässt sich die formale Selbstgefälligkeit aber auch als Diagnose lesen, als erstes Symbolstadium jener Afrikanischen Trypanosomiasis, die dem Film seinen Titel gab.

Das zweite Stadium beginnt drei Jahre später. Der Pariser Arzt Alex Nzila – jung, idealistisch und von Jean-Christophe Folly feinfühlig verkörpert – reist nach Kamerun, um das von Ebbo geleitete Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit zu evaluieren. Nur weil er schwarz ist und sein Vater aus dem Kongo stammt, ist der Kulturschock nicht geringer. Alex war noch nie zuvor in Afrika und steckt nun hilflos in der Zwickmühle aus schlechtem Gewissen und dem ständigen Argwohn, übers Ohr gehauen zu werden. Aus diesem undurchsichtigen kulturellen, moralischen und seelischen Gestrüpp jenseits rassistischer Stereotype zieht der Film in diesem lebendigeren und poetischeren zweiten Teil seine Kraft. Ebbo ist allein in Kamerun zurückgeblieben. Mittlerweile lebt er mit einer Afrikanerin zusammen, heimisch geworden aber ist er nicht. Die Klinik ist verwahrlost, die Schlafkrankheit besiegt. Was ihn noch hält? Am Ende, so scheint es, nur die fehlende Antwort auf die Frage: Wo soll er sonst hin?

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 4/2013 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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