Filmbulletin Print Logo
Unser Vater2
Diese Sechs erfahren als Erwachsene, dass sie Geschwister sind. Bild: © Filmbringer Distribution AG

Schweizer Tabu: Unser Vater

Ein Zeitdokument, das feinfühlig einen erschütternden Fall sexueller Gewalt aufrollt.

Text: Noemi Ehrat / 06. Apr. 2023
  • Regie, Buch

    Miklós Gimes

  • Kamera

    Judith Benedikt

  • Schnitt

    Christof Schertenleib

  • Mit

    Lisbeth Binder, Anton Meier, Adrian Meier, Monika Gisler, Christine Meier, Daniela Mühlematter, Antonia Müller, Anna Meier, Rita Schuler, Bischof Joseph Maria Bonnemain, Walter Binder, Jitsupa Meier

«Das isch alles gsi», sagt Rentnerin Rita Schuler. «Bin halt blöd gsi». Was so nüchtern und salopp klingt, ist dabei unvorstellbar entsetzlich. Gerade hat sie erzählt, wie sie der katholische Pfarrer Anton Ebnöther als Jugendliche vergewaltigt hatte. Das Wort selbst fällt erst viel später, im Zusammenhang mit einem anderer seiner Opfer.

Der schlicht gehaltene Film, hauptsächlich aus Frontalinterviews am Küchentisch bestehend, zeichnet die Geschichte sechs Geschwister auf, die erst als Erwachsene voneinander erfahren. Denn: Sex vor der Ehe, beziehungsweise die Erfahrung sexueller Gewalt, unverheiratet schwanger sein, und dies erst noch von einem Geistlichen – alles Tabus in der Schweiz der Fünfzigerjahre. Doch nun brechen die Kinder das Schweigen, allen voran Monika Gisler, die nach dem Tod des Vaters unbeirrt sucht nach weiteren Schwestern und Brüdern und sie zusammenbringt. Da fangen auch die Mütter an zu reden. Über die in einem Couvert überreichten 100 Franken etwa, zu denen der Pfarrer jeweils gesagt hatte, «mach was du kannst».

Regisseur Miklós Gimes hat mit Unser Vater ein unglaublich feinfühliges und zugleich erschütterndes Zeitdokument erschaffen. Die grossformatigen Aufnahmen unterstützen die Wucht des so trocken Gesagten, lassen den Schmerz und die Scham erahnen, die zu jahrzehntelangem Schweigen geführt haben. Als Stellvertreter für die Kirche wird schliesslich der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain von den Geschwistern konfrontiert. Doch seine Worte klingen hohl – «in allen Bereichen der Gesellschaft hat man damals falsch reagiert» – und umso mehr entsteht der Eindruck, dass die Betroffenen immerhin durch den Film ein Stück Gerechtigkeit erfahren. Hier kommen sie endlich zu Wort.

 

Weitere Empfehlungen

Kino

13. Apr. 2011

In a Better World (Haeven)

Susanne Bier konfrontiert uns in ihrem neuesten Film mit einer solchen Fülle von Verletztheiten und Untaten, dass wir geschafft im Kinosessel hängen und die gezeigten Läuterungen und Strafen kaum mehr eine Auseinandersetzung evozieren können. Der Abspann wirkt wie ein Bild gewordenes schlechtes Gewissen der Regisseurin.