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Tableau noir 01

Tableau noir

Das gibt es in der Schweiz kaum noch: Eine Primarschule, in der sechs- bis zwölfjährige Mädchen und Buben gemeinsam unterrichtet werden, mehrheitlich von einer Lehrkraft. So wie es Gilbert Hirschi über vier Jahrzehnte in der École Primaire Intercommunale in Derrière-Pertuis, auf den Höhen des Neuenburger Juras, tat.

Text: Michael Lang / 12. März 2014

Das gibt es in der Schweiz kaum noch: Eine Primarschule, in der sechs- bis zwölfjährige Mädchen und Buben gemeinsam unterrichtet werden, mehrheitlich von einer Lehrkraft. So wie es Gilbert Hirschi über vier Jahrzehnte in der École Primaire Intercommunale in Derrière-Pertuis, auf den Höhen des Neuenburger Juras, tat. Ein eigenwilliger, ideenreicher Mann, bestimmt auch etwas stur und streitbar. Ein anarchistischer Geist, der von der Hightech-Invasion im Schulzimmer so wenig hielt wie von der Flut obrigkeitlich verordneter Richtlinien.

Hirschi hatte als Lehrer ein überquellendes Herz, wollte Schulstoffe praxisnah, experimentell, vermitteln, handfest und begreifbar. Er lehrte seine Zöglinge im Theaterunterricht, in Rollenspielen, im Sport pfleglich miteinander umzugehen, die Schwächeren zu achten. Gab’s mal Streit brauchte er keinen Schulpsychologen. Und dass er mit dem kleinen Schulbus entfernt wohnende Kinder einsammelte und heimbrachte, Schlittschuhkurse erteilte, abenteuerliche Ausflüge in die Deutschschweiz organisierte, ist im Bildungswesen auch nicht mehr der Courant normal. Einer wie Hirschi würde das am Reissbrett durchkonzipierte Schulsystem blockieren, das dem europäischen Streben nach normierter Bildung anhängt und es mit rigorosen Sparmassnahmen paart.

Der Westschweizer Yves Yersin (*1942), in den sechziger Jahren ein Vordenker im Schweizer Filmschaffen, hat von 2005 bis 2013 an Tableau noir gearbeitet. Mit seinem Team, dem Lehrer und einem Dutzend Kindern filmte er über den Zeitraum von dreizehn Monaten hinweg bis 2008, als der lange schon gefährdete Schulbetrieb nach einer Abstimmung eingestellt wurde. Erst 2013 waren dann die zwölfhundert Stunden Filmmaterial zu einem Werk verdichtet, das zuweilen so intim wirkt, dass man sich als Zuschauer mittendrin fühlt.

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Monsieur Hirschis letzte Schüler sind mittlerweile teils fast schon erwachsen, und wir wissen nicht, ob ihnen bewusst ist, welches Privileg ihnen in der frühen Schulzeit zuteil wurde. Gewiss aber ist: Alle haben von Hirschis klugen Methoden und Experimenten beim Streben nach Wissenswertem profitiert. Und verfügen – um das altmodische Wort zu verwenden – über einen Bildungsrucksack, der weit mehr als Zahlen, Formeln, grammatikalische Regeln enthält.

Dass Yves Yersin, handwerklich brillant und stilsicher, Tableau noir realisierte, ist kein Zufall. Man erahnt, dass es eine generationsmässige wie zeitlos gültige ideelle Wesensverwandtschaft zwischen ihm und Hirschi gibt: Beide geben Wissenswahrheiten weiter, aber nach ihrem eigenen Gusto. Dazu gehört es, auch mal augenzwinkernd ein paar Tricks anzuwenden. Auf Yersin bezogen bedeutet das, dann und wann eine Drehsituation so zu antizipieren, dass Emotionen noch spürbarer eingefangen werden – eine Methode, die jeder engagierte, couragierte «Dokumentarfilmer» bewusst wagen sollte!

Yersin hat 1979 seinen bislang einzigen Kinospielfilm vorgelegt: Les petites fugues, die magische Geschichte über die Lebensträume eines Knechts, eins der wenigen Filmwerke aus der Schweiz von Welt-Format. Ganz im Sinne des Wortes gemeint. Seither sind einige Yersin-Projekte nicht zu Stande gekommen; realisiert hat er aber beispielsweise Arbeiten für das Musée d’histoire naturelle in Neuenburg. Famos nun, dass dem Solitär Yersin mit Tableau noir wieder etwas gelungen ist, das Bestand haben wird: Der liebevolle Blick in eine verschwundene Lebensschuloase, die aufzeigt, dass es Mittel gäbe, der galoppierenden Versteifung im Bildungswesen Paroli zu bieten.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 2/2014 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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