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Suberg 01

Zum Beispiel Suberg

«Suberg ist ein Ort, wo es nichts zu sehen gibt»: Regisseur Simon Baumann findet wenig schmeichelhafte Wort für das Dorf, in dem er aufgewachsen ist und heute, 34 Jahre später, immer noch lebt.

Text: Sarah Sartorius / 06. Nov. 2013

«Suberg ist ein Ort, wo es nichts zu sehen gibt»: Regisseur Simon Baumann findet wenig schmeichelhafte Wort für das Dorf, in dem er aufgewachsen ist und heute, 34 Jahre später, immer noch lebt. Das 600-Seelen-Kaff, im Seeland zwischen Bern und Biel gelegen, ist ein Durchfahrtsort, den man höchstens als vorbeirauschendes Niemandsland durchs Zugfenster wahrnimmt.

Auch Baumann hat seinen Wohnort und dessen Einwohner bislang grosszügig ignoriert. In Suberg kennt er kaum jemanden. Wie auch? Ein Dorfkern fehlt, die Post wurde geschlossen, und die einzige Beiz ist zu einem Gourmettempel verkommen, den die Suberger demonstrativ meiden. Wie konnte aus einem Bauerndorf, einst von vierzehn Bauernbetrieben geprägt, von denen heute noch zwei übrig sind, ein Schlafdorf werden? Und wer sind eigentlich unsere Nachbarn? Baumann erkundet diese Fragen im Selbstversuch, angereichert mit feinsinniger Situationskomik.

Bereits in der Filmsatire Image Problem hat er der Schweizer Befindlichkeit auf den Zahn gefühlt. In seinem neuen Film – mit der Vorlage gewann er den ersten CH-Dokfilm-Wettbewerb des Migros-Kulturprozents – wagt der Berner erneut den Blick über pingelig genau geschnittene Hecken und rüttelt an verschlossenen Türen. Doch das Unterfangen ist diesmal ein viel persönlicheres und die Herangehensweise weit weniger grell. Zum Beispiel Suberg, eben mit dem Berner Filmpreis für die beste Regie ausgezeichnet, wird zur melancholischen Reise ins neblige Herz der Schweiz.

Suberg 02

Simon Baumann ist kein Unbekannter in Suberg: Sein Vater Ruedi war Präsident und Nationalrat der Grünen, seine Mutter Stephanie SP-Nationalrätin – in der Zwischenzeit sind sie nach Frankreich ausgewandert –, und im Dorf machten sie sich mit ihrem politischen Engagement nicht nur Freunde. Wenn im Film der Sohn mit seiner scheinbar unbedarften Begrüssungsfloskel «Ich bin der Simon Baumann und wohne auch in Suberg. Wir kennen uns noch nicht» bei seinen Nachbarn klingelt, wird ihm einmal sogar mit dem Gewehr gedroht. Die Bewohner Subergs suchen den Austausch nicht. Ins Pendlerparadies im Seeland kehrt man nach der Arbeit nach Hause zurück, um zu schlafen. Das Leben findet anderswo statt. Doch Baumann gibt nicht auf: Auf dem vermeintlichen Dorfplatz verteilt er Nussgipfel und lädt zum kurzen Verweilen ein. Ohne Erfolg. Schliesslich sieht er nur noch eine Lösung, um durch die Hintertür einen Zugang zu den Dorfbewohnern zu finden: den Beitritt in einen Verein. Im Männerchor, der mit akuten Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat, lernt Baumann nicht nur den richtigen Ton zu treffen, er empfindet auch zum ersten Mal so etwas wie Zugehörigkeit – zu einer Gemeinschaft, die er dreissig Jahre lang gemieden hat.

Mit Archivmaterial seiner Eltern und Grosseltern blendet der Regisseur ohne falsche Nostalgie immer wieder zurück in die, auf den ersten Blick, heile Welt von früher, in der zwar ein reger Austausch zwischen den Bauern bestand, in der aber auch bis zum Umfallen geschuftet wurde und die Frauen nicht das Geringste zu sagen hatten. Nebenbei beschäftigen Baumann auch ganz persönliche Themen: etwa die Angst, spiessiger als die eigenen Achtundsechziger-Eltern zu werden.

Neben der sorgfältig komponierten Bildsprache begeistert vor allem auch der präzise Off-Kommentar Baumanns: zur Beerdigung seines «gschäftigen» Grossvaters, die das Ende einer Epoche anzeigte, bis hin zur alarmierenden Zersiedelung der Landschaft. Ihm gelingt ein berührender Einblick in das Innenleben eines typischen Schweizer Dorfes, das nichts mehr im Innern zusammenhält. Ein Dorf, das stellvertretend für viele steht.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 7/2013 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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