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«Love makes the world go round» und «Money makes the world go round» sind zwei beliebte Songs, die unser Dasein auf den kleinsten oder grössten gemeinsamen Nenner bringen – je nach Beantwortung der Sinnfrage. 360 möchte klar machen, dass wir uns im Kreise drehen und so wie wir gekommen sind auch wieder verschwinden werden.

Text: Erwin Schaar / 25. Juli 2012

«Love makes the world go round» und «Money makes the world go round» sind zwei beliebte Songs, die unser Dasein auf den kleinsten oder grössten gemeinsamen Nenner bringen – je nach Beantwortung der Sinnfrage. 360 möchte klar machen, dass wir uns im Kreise drehen und so wie wir gekommen sind auch wieder verschwinden werden. Und all die kleinen und grossen Ereignisse und Gestalten und Schöpfungen, die diesen Lebenskreis aktiv oder passiv bestimmen, werden mit der Vollendung dieses Kreises wieder bedeutungslos.

Fernando Meirelles hat das Drehbuch von Peter Morgan adaptiert, das dieser einer Inspiration durch Arthur Schnitzlers «Reigen» verdankt: «Dass letztlich die Struktur der Geschichte ein eigener Protagonist ist, erschien mir sehr spannend. Genauso wie die Tatsache, dass nicht so sehr eine einzelne Hauptfigur im Zentrum steht, sondern eher das Zusammenspiel von vielen Charakteren wichtig ist. So ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht ist in den meisten Drehbüchern nicht üblich.»

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Von den zahlreichen Verfilmungen Schnitzlers dürfte Max Ophüls’ La ronde die berühmteste sein. Meirelles’ Inszenierung ist kein Remake dieses Klassikers, er rast mit einer solch vehementen Schnittgeschwindigkeit durch die Story und die Bilderwelt, dass wir unsere Augen offen halten müssen, um die Orte der Handlung und auch die Personen nicht zu verwechseln. Sich in eine Figur zu verlieben, um deren Geschichte zu verfolgen, ist fast zwecklos, weil die Handelnden oft nur für kurze Augenblicke agieren. Von Wien aus geht es über Paris, London, Bratislava, Rio de Janeiro, Denver und Phoenix, getreu dem absurden Motto, das schon zu Beginn des Films zitiert wird und die Handlung zu bestimmen scheint: «Wenn du an eine Weggabelung kommst, benutze sie.» Beginnend mit der Tschechin Mirka, die sich in Wien unter den Augen ihrer stets lesenden und moralisch argumentierenden Schwester Anna von einem Zuhälter für die gehobene Prostitution im Netzangebot fotografieren lässt, über deren ersten Kunden Michael, der aber von einem deutschen Geschäftsmann erpresst wird und sein Ziel nicht erreicht und der seine Frau Rose ihm treu ergeben glaubt. Diese aber beendet gerade ihre Affäre mit einem brasilianischen Fotografen, dessen Freundin Laura ihn verlässt, die wiederum einem älteren Mann begegnet, der sich väterlich um sie kümmert und der in der Welt der Leichenhäuser nach seiner verschwundenen Tochter forscht. Wir begegnen einem entlassenen Sexualstraftäter, einem muslimischen Zahnarzt, der skrupulös seiner verheirateten Angestellten zugeneigt ist, deren Mann einem kriminellen russischen Millionär er und untergeben ist. Und am Ende haben wir zwei Tote und die zwei Schwestern Mirka und Anna, die beide auf verschiedenen Wegen ihr Glück gemacht haben. Das des Geldes und das der Liebe.

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Figuren, die in Erinnerung bleiben und sogenanntes menschliches Interesse wecken, also mehr als momentane Reize des Chargierens darstellen, sind vor allem der von Anthony Hopkins verkörperte ältere Mann und Laura (gespielt von Maria Flor), deren kurze Begegnung ein Essential beinhaltet, das ein Leben lang in Erinnerung bleiben kann.

Die Inszenierung mit einer derartigen Personenstaffage weckt sonst kaum Interesse an einzelnen Charakteren. Das Tempo der Schnitte, die Split Screens, die Ortswechsel, die Vielfalt der Sprachen mögen eben mehr der Idee des Kreislaufs dienen als dem Eintauchen in Seelentiefe. Und dabei hat Meirelles’ kunstvoller Einsatz von populärer Musik auch ihren prägenden Stellenwert, für die stellvertretend die früh verstorbene Montreal-Sängerin Lhasa de Sela und das Tin Hat Trio featuring Mike Patton genannt seien.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 5/2012 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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