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Alpha
© Filmcoopi

Alpha: Die Angst, zum Denkmal zu werden

Julia Ducournaus Film konnte 2025 in Cannes nicht alle Kritiker:innen von sich überzeugen – weil sie Erwartungen unterläuft und mit ihrer intimen, emotionalen AIDS-Allegorie neue filmische Wege sucht.

Text: Till Kadritzke / 15. Juli 2026
  • Regie, Buch

    Julia Ducournau

  • Kamera

    Ruben Impens

  • Schnitt

    Jean-Christophe Bouzy

  • Musik

    Jim Williams

  • Mit

    Mélissa Boros, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim, Finnegan Oldfield

  • Streaming

    Filmingo

Die Nadel, der Sex, die Kranken, die Sterbenden, die Angst: Alles schwirrt im Kopf von Alpha (Mélissa Boros) umher, und damit auch in diesem Film. Mit der Nadel geht es los: Auf einer Party wird der 13-Jährigen ein Tattoo in den Arm gestochen, das sich bald entzündet. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani) verfällt in Panik: Es sind die frühen Neunzigerjahre, und unreine Nadeln können ein Todesurteil bedeuten. Auch wenn das Virus in Alpha namenlos bleibt, ist der Film eindeutig in jenem historischen Universum angesiedelt, das von AIDS bestimmt ist.

Der Sex ist also gefährlich und deshalb angstbesetzt, nicht mehr so lustvoll sublimiert wie in Titane, mit dem Julia Ducournau 2021 für Furore sorgte. Der Film gewann damals so überraschend wie verdient die Goldene Palme; entsprechend gross waren in Cannes die Erwartungen an den Nachfolger. Wohl zu hoch für manche: Alpha wurde von vielen internationalen Kritiker:innen erstaunlich schnell für spektakulär gescheitert erklärt, und dabei vielfach missverstanden.

Alpha 3

© Filmcoopi

Die Kranken, das ist etwa Alphas Onkel Amin, der sich mit dem Virus infiziert hat, als Alpha fünf war, und eines Tages auf der Suche nach Drogen in der Wohnung auftaucht. Tahar Rahim hat für diese Rolle an die 25 Kilo abgenommen, seine Performance ist im besten Sinne gruselig. Ein Mensch im Verschwinden, der aus diesem Zustand aber keine Verzweiflung, keine Traurigkeit generiert, sondern eine wissende Souveränität. Dass Alpha sich trotz seines Suchtproblems zu ihm hingezogen fühlt, hat wohl auch damit zu tun, dass er sie nicht wie ein Kind behandelt.

Die anderen Sterbenden in diesem Film verschwinden nicht, sondern versteinern. Sie liegen in den Betten, an denen Alphas Mutter arbeitet: Das Virus verwandelt sie allmählich in Marmor. Der visuelle Effekt ist von einer entrückten Schönheit – es geht Ducournau hier wohl darum, den unnötig Gestorbenen ein Denkmal zu setzen, ihnen nachträglich jene Würde zu verleihen, die ihnen im homophoben Panikdiskurs der Achtzigerjahre genommen wurde.

Alpha 2

© Filmcoopi

Und dann die Angst, die alles durchzieht: Es ist eines der Missverständnisse, dass die AIDS-Allegorie des Films neue Erkenntnisse zutage fördern oder überhaupt verstanden werden will. Ducournaus Zugang ist jedoch ein intimer, emotionaler – nicht umsonst steht im Zentrum ein junges Mädchen. Dies ist ein Film über das Aufwachsen mit einer Angst vor etwas, das man noch nicht richtig versteht, das ungreifbar ist, das sich deshalb gross und unheimlich anfühlt, und das man dort, wo Lücken sind, mit der eigenen Vorstellung ausmalen muss. Der filmische Maximalismus, der auch den neuen Film Ducournaus durchzieht, ist nicht mehr an die Genre-Tradition des Body-Horror gekoppelt, wie noch in Titane oder ihrem Debütfilm Grave (2016), sondern entspringt ganz einem Setting und einer Perspektive.

Nicht zuletzt ist Alpha auch ein Geisterfilm übers Trauern und übers Loslassen, übers Leben. Was hier erinnert, geträumt, gefürchtet oder gelebt wird, das ist bis zum Ende nicht ganz klar, auch weil der Film immer wieder zwischen den Zeiten hin- und herspringt und am Ende die fünfjährige und die 13-jährige Alpha zusammenfinden. Alphas Englischlehrer rezitiert im Unterricht Edgar Allan Poes «A Dream Within a Dream», und der Kern dieses Gedichts macht auch Alpha so unheimlich und bewegend: Alles erscheint geträumt und ist doch beängstigend real.

 

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05. Okt. 2021

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