Es heisst, je älter man wird, desto mehr schrumpft der Horizont. Man beginnt, Bilanz zu ziehen, sich mit sich der eigenen Person, dem eigenen Werdegang, den eigenen Versäumnissen auseinanderzusetzen, dem Vergangenen allgemein mehr Bedeutung beizumessen als dem Gegenwärtigen und Zukünftigen. Dass die Tendenz zumindest im Auteur:innen-Filmschaffen zutrifft, war in den letzten zehn Jahren immer wieder zu beobachten, zurückblickenden und/oder ichbezogenen Spätwerken von Alfonso Cuarón (Roma), Quentin Tarantino (Once Upon a Time in Hollywood), Steven Spielberg (The Fabelmans), Clint Eastwood (Cry Macho) oder Paul Thomas Anderson (Licorice Pizza) sei Dank.
Es besteht die Versuchung, dieses von alten Weissen Männern dominierte Subgenre a priori als egozentrische Vermächtniskuratierung abzutun. Falsch mag diese Diagnose in den meisten Fällen zwar nicht sein; oftmals ist es aber gerade dieser Narzissmus, der die betreffenden Filme spannend macht: Auteur:in zu sein, bedeutet, über ein grosses Ego zu verfügen – umso aufschlussreicher die Selbstporträts, die unter diesen Vorzeichen entstehen.
© Pathé Films AG
Auch der spanische Kultregisseur Pedro Almodóvar hat in diesem Format bereits Erfahrungen gesammelt. In Dolor y gloria (2019) liess er einen von Antonio Banderas gespielten Regisseur über Sinn und Unsinn der eigenen Karriere sinnieren; mit Madres paralelas (2021) und The Room Next Door (2024) folgten zwei Langspielfilme mit den etwas abstrakter gehaltenen «Altherren-Themen» Geschichtsbewusstsein und Tod. In seinem neusten Wurf, dem verschachtelten Meta-Melodrama Amarga Navidad, kehrt der inzwischen 76-Jährige wieder zur Figur des alternden Künstlers zurück und fragt: Woher kommt dessen Kunst überhaupt?
Durchexerziert wird diese Frage gleich von zwei Almodóvar-Alter-Egos: hier Werbefilmerin Elsa (Bárbara Lennie), die in der Vorweihnachtszeit 2004 von den Erinnerungen an den Tod ihrer Mutter verfolgt wird und beschliesst, ohne ihren Freund Bonifacio (Patrick Criado) nach Lanzarote zu reisen, um ihre Schreibblockade zu überwinden – dort der international gefeierte Arthouse-Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia), der 2025 ein Drehbuch über Elsa schreibt und sich dabei von seinem Freund Santi (Quim Gutiérrez) und seiner scheidenden Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) inspirieren lässt.
Böse Zungen könnten behaupten, Amarga Navidad sei das Werk eines Filmemachers, der sich dazu entschieden hat, die eigene Ideenlosigkeit zu einem Verlegenheitsprojekt zu verarbeiten. Das scheint auch Almodóvar bewusst zu sein: Mit schelmisch schamloser Selbstreflexivität zieht er einen viel zu frühen Schlussstrich unter Raúls an Almodóvars eigenen Los abrazos rotos (2009) angelehntes Elsa-Skript – den einstündigen Film, der daraus entstehen würde, könnte man sicher irgendwie Netflix andrehen, heisst es einmal –, bevor er dann doch noch einen dritten Akt aus der Melodrama-Konserve nachreicht, allzu tragischer Suizidversuch inklusive.
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Die emotionale Kraft eines Madres paralelas oder eines The Room Next Door entwickelt dieser Film mit all seinen ironischen Brechungen und metafiktionalen Distanzierungen tatsächlich nicht. Die ihm zugrunde liegende Auseinandersetzung mit der asozial-parasitären Seite von Kreativität macht jedoch so manches wett. Wann wird das Beanspruchen von künstlerischem Freiraum zum Vorwand für Soziopathie und emotionale Abkapselung? Wo liegt die Grenze zwischen legitimem Einfluss und übergriffiger Aneignung? In einem Erzählformat, in dem Kunst allzu oft nicht mehr als ein Spiegel biografischer Details ist, ist dies eine höchst willkommene thematische Intervention.
Und auch Almodóvars Figuren sind trotz ihrer allegorischen Transparenz von einer wunderbaren Lebendigkeit – vom schüchternen Stripper Bonifacio über die graue Eminenz Mónica, die als wahre Architektin der Marke Raúl/Almodóvar positioniert wird, bis hin zu Raúl und Elsa selbst, die den Almodóvar-Kanon nach dem trans Thriller La piel que habito (2011) um eine faszinierende nonbinäre Konstellation erweitern. Denn wenn Raúl an einen bevorstehenden Termin beim Endokrinologen erinnert wird, steht plötzlich die Möglichkeit im Raum, dass Elsa nicht nur Fantasiegebilde und Projektionsfläche, sondern auch Erinnerung an die Zeit vor einem allfälligen Coming-out ist. Es gibt nicht viele Regisseur:innen, die mit einer autofiktionalen Fingerübung dermassen reichhaltiges Kino schaffen.