Schauen Sie selbst an Halloween nicht gerne Horrorfilme? Weil sie Sie schlicht nicht interessieren, oder weil Sie sich vor ihnen gruseln, danach nicht schlafen können und Albträume bekommen? Haben Sie hingegen schon einmal Mitleid mit einer Romanfigur gehabt, etwa mit Anna Karenina oder Harry Potter? Haben Sie am Ende von Titanic (1997), Bambi (1942) oder E.T. the Extra-Terrestrial (1982) geweint?
Komisch ist das alles schon. Denn wir wissen beim Filmschauen oder bei der Lektüre von Romanen stets ganz genau, dass das Gezeigte nicht real ist. Dennoch lösen diese Medien bei uns verlässlich Angst, Ekel, Trauer, Mitleid und andere Gefühle aus. Verlieren wir also schlicht den Bezug zur Wirklichkeit und lassen uns täuschen? Sind medial verursachte Gefühle vielleicht gar keine «echten» Gefühle?
Ein Klassiker, der ganze Generationen geängstigt hat, ist John Carpenters Halloween (1978) mit dem furchteinflössenden Michael Myers, der sich als das personifizierte Böse in das kollektive Gedächtnis gebrannt hat. Warum aber ängstigen wir uns vor einer fiktiven Gestalt? Laufen wir Gefahr, uns irgendwann in einem Metaverse zu verlieren, weil wir den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit aus den Augen verlieren?
Das Büro-Experiment
Stellen Sie sich ein makabres Büroszenario vor: Eine Kollegin erzählt in der Büroküche, dass den beiden Kindern ihrer Schwester am Wochenende ein schrecklicher tödlicher Unfall zugestossen sei. Wir sind selbstverständlich erschüttert und empfinden tiefes Mitleid. Etwa eine halbe Stunde später erfahren wir jedoch, dass die Kollegin gar keine Schwester hat und die Geschichte frei erfunden war.
Was passiert in diesem Moment mit Ihrem empfundenen Mitleid? Es verpufft auf der Stelle und macht den Weg frei für Verärgerung über die dreiste Lüge. Dieses Alltagsbeispiel offenbart eine fundamentale Regel realweltlicher Emotionen: Wir empfinden Mitleid oder Trauer in der physischen Wirklichkeit oft nur so lange, wie wir an die Wahrheit des Sachverhalts glauben. Innerhalb der Philosophie spricht man hier von einer «doxastischen Bedingung».
Vor diesem Hintergrund wirkt die Reaktion auf Michael Myers noch merkwürdiger. Einerseits schrecken wir auf, wenn er auf dem Bildschirm hinter einer Wand hervortritt. Und das, obwohl wir genau wissen, dass er gar nicht physisch existiert. Andererseits erlischt unser Mitleid bei der erfundenen Geschichte der Kollegin sofort, sobald wir wissen, dass sie erfunden war.
Tun wir nur so, als ob?
Eine Antwort auf dieses «Paradoxon der Fiktion» gab der Philosoph Kendall Walton. Laut seiner Make-Believe-Theorie täuschen wir uns keineswegs selbst. Die diegetische Welt und die Figur des Michael Myers motivieren uns vielmehr dazu, im Rahmen eines ästhetischen Spiels so zu tun, als ob die Situation real wäre.
So wie ein kleines Kind mit seinen Plüschtieren eine rauschende Teeparty feiert, tatsächlich aber vor leeren Tassen sitzt, spielen auch Erwachsene das Spiel: «Wir tun so, als ob Michael Myers vor uns stünde», wenn sie einen der Filme schauen. Durch diesen Als-ob-Modus empfinden wir laut Walton zwar physiologisch reale Affekte, aber eben sogenannte «Quasi-Emotionen». Sie laufen gleichsam «offline» ab, weshalb wir nicht schreiend auf die Strasse rennen und die Polizei rufen.
Dass Rezipierende dabei keineswegs die Orientierung zwischen Fiktion und Wirklichkeit verlieren, zeigt eine alltägliche Szene: Drei Personen treffen sich. Katrin behauptet überzeugt, der Mörder im Film Halloween
heisse Freddy Krueger. Susann korrigiert: «Nein, der heisst Michael Myers.» Thomas, der daneben steht, stimmt Susann zu und alle drei sind sich einig, wenn auch vielleicht erst nach einer Online-Recherche.
Dieser Dialog demonstriert zweierlei. Zum einen zeigt er, dass fiktionale Welten wahrheitsfähig sind. Zum anderen lässt er uns verstehen, wie mühelos wir geistig zwischen fiktiven Taxonomien und der physischen Realität hin- und herswitchen können. Würde man die drei fragen, ob Myers tatsächlich existiert, würden alle bestätigen, dass er bloss eine Filmfigur ist. Wir verstehen die kategoriale Differenz zwischen Fiktion und Wirklichkeit perfekt. Wir lassen uns aber vielleicht willentlich auf Fiktionen ein, um uns von ihnen verführen zu lassen.
Der Fiktionsvertrag und die Neurowissenschaft
Unsere durch Fiktionen ausgelösten Emotionen sind physiologisch echt. Gerade im Kontext der Virtual Reality, wo durch Immersion und Telepräsenz die menschliche Aufmerksamkeit fast vollständig absorbiert wird, belegen neuere neurowissenschaftliche Studien zur Wahrnehmung von Fiktion, dass im Gehirn ähnliche neuronale Prozesse ablaufen, ganz gleich, ob der Reiz aus der physischen Realität oder aus einer virtuellen Projektion stammt. Sie haben einerseits das kognitive Wissen, dass Sie gerade eine VR-Brille tragen, gleichzeitig aber die mentale Vorstellung, dass Sie von etwas Bedrohlichem verfolgt werden. Genau diese Vorstellung kann dieselben neurobiologischen Impulse auslösen wie eine reale Wahrnehmung.
Wir gehen gerne auf diese Fiktionsspiele ein. Die Grundregel lautet: «Lass dich ganz darauf ein, sonst bist du ein Spielverderber.» Umberto Eco sprach in diesem Zusammenhang vom Fiktionsvertrag. Damit meinte er eine implizite Übereinkunft zwischen Autor:in und Rezipient:in. Indem wir uns auf fiktionale Inhalte einlassen und so tun, als ob sie real wären, unterschreiben wir diesen Vertrag stillschweigend. Wer «The Lord of the Rings» liest und das Buch nach 100 Seiten enttäuscht weglegt, weil es Orks in Wirklichkeit nicht gibt, hat keine Erkenntnis gewonnen, sondern einfach nur das Fantasy-Genre nicht verstanden.
Wer hat also Angst vor Michael Myers?
Zusammenfassend lässt sich sagen: Nicht-reale Ereignisse und Objekte, wie sie uns in Geschichten, Filmen und VR-Umgebungen begegnen, können sehr wohl reale physische und emotionale Reaktionen auslösen. Weil Medien uns Szenarien, Personen und Geschehnisse vergegenwärtigen, die physisch nicht präsent sind, auf die wir uns aber bereitwillig einlassen. Der englische Romantiker Samuel Taylor Coleridge sprach bereits 1817 im Kontext phantastischer Literatur von der «willing suspension of disbelief», also der willentlichen Aussetzung des Unglaubens. Um uns emotional berühren zu lassen, setzen wir unseren Unglauben für die Dauer des Erlebnisses willentlich aus. Das heisst nicht, dass wir an Michael Myers glauben. Wir rücken das Wissen um seine Fiktionalität lediglich aus dem Blick, ohne es je zu verlieren. Unsere Angst ist trotzdem echt. Sie ist, um eine Unterscheidung der Philosophin Eva Schürmann aufzugreifen, ein reales Gefühl, aber kein Gefühl des Realen.
Darin liegt auch der Unterschied zur erfundenen Geschichte der Kollegin. Sie war eine Lüge, weshalb unser Mitleid verpuffte, sobald sie aufflog. Eine Fiktion gibt sich dagegen von Anfang an als solche zu erkennen durch konventionalisierte Signale wie «Spielfilm» oder «Horror». Bei Michael Myers kann deshalb nichts auffliegen.
Wer hat also Angst vor Michael Myers? Alle Menschen, die sich einen natürlichen Spieltrieb, eine Dosis Fantasie und die Freude an der ästhetischen Verführung bewahrt haben. Zum Schluss empfehle ich Ihnen, den ersten Teil der Halloween-Reihe einmal wieder zu schauen und die eigenen Reaktionen zu beobachten. In diesem Sinne: Gehen Sie spielen! Happy Halloween!
Zum Weiterlesen
- Coleridge, Samuel Taylor (1817): Biographia Literaria. London
- Eco, Umberto (1994): Mögliche Wälder. In: Im Wald der Fiktionen. München, Wien
- Kandel, Eric (2012): The Age of Insight. The Quest to Understand the Unconscious in Art, Mind, and Brain from Vienna 1900 to the Present. New York
- Klauk, Tobias / Köppe, Tilmann (2014): Fiktionalität. Ein interdisziplinäres Handbuch. Berlin, Boston
- Nichols, Shaun (2006): The Architecture of Imagination. Oxford
- Schürmann, Eva (2023): Die Ausrichtung des Denkens aufs Fiktive. Über einige Charakteristika rezeptionsästhetischen Mitspielens, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 71
- Walton, Kendall L. (1990): Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Representational Arts. Cambridge