Herr Dufeys, wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Charlotte Devillers, die hauptberuflich als Pflegefachfrau arbeitet?
Meine Co-Regisseurin Charlotte Devillers wollte als Kinointeressierte schon länger einen Film machen. Sie arbeitet in einem Zentrum für sexuelle Gesundheit in Paris. Während der COVID-19-Pandemie kontaktierte sie mich via Instagram mit einer Filmidee zum (Er-)Leben von Sexualität. Wir starteten einen Dialog rund um ihr Material, das auf mich aufgrund seiner emotionalen Dichte filmisch sehr vielversprechend wirkte. Daraus entstand das Filmprojekt Plaisir, an dem wir gerade arbeiten. Parallel dazu haben wir On vous croit entwickelt. Denn Charlotte ist im Rahmen ihrer Arbeit häufig in Kontakt mit Frauen und Müttern, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind.
Wie sind Sie für On vous croit weiter vorgegangen?
Wir haben für den Film neben dem Material von Charlottes Patient:innengesprächen Sitzungen bei der in Frankreich sehr bekannten aktivistischen Commission indépendante sur l’inceste et les violences sexuelles faites aux enfants (CIVIISE) besucht. Sie setzt sich für Betroffene von Inzest sowie für Kinder ein, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Das juristische System tut sich sehr schwer mit solchen Fällen. Wir haben für den Film auch Richter:innen interviewt und wollten eine Anhörung erzählen – im Gegensatz zu den in Belgien und Frankreich öffentlichen Gerichtsprozessen –, samt der Szenen, die davor und danach passieren.
Arnaud Dufeys / ©Joshua Sammer (Getty) for ZFF
Sie haben aus Respekt gegenüber minderjährigen Opfern einen fiktiven Film geschaffen. Wie haben Sie Ulysse Goffin und Adèle Pinckaers, welche die Kinder spielen, gecastet?
Neben den bekannten Schauspielgrössen Myriem Akheddiou in der Rolle der Mutter und Laurent Capelluto, der den Vater verkörpert, haben wir für die Kinder Laiendarsteller:innen gesucht. Adèle Pinckaers, welche die jugendliche Lila spielt, kommt aus einer Filmfamilie und hat zuvor schon etwas Schauspielerfahrung gesammelt. Zwei Zoom-Meetings reichten aus, um sie zu casten. Für Ulysse Goffin war die Figur Etienne die erste Filmerfahrung. Er war sehr aufnahmefähig, übte die Szenen mit seiner Filmmutter und -schwester und war ab dem zweiten Tag schon ein kleiner Schauspieler. Charlotte war bemüht, Worte zu finden, um ihm das delikate Filmthema zu vermitteln. Er hat Fragen gestellt, wollte wissen, was sein Film-Vater im Film denn angestellt habe. Als wir es dann doch konkretisierten, meinte er: «Warum habt ihr mir das nicht früher gesagt?»
Wie ist bei den Jurist:innen das Verhältnis zwischen professionellen und nicht professionellen Schauspieler:innen?
Die Anwält:innen im Film sind alles keine professionellen Schauspieler:innen. Wir haben sie gebeten, die Sitzung so vorzubereiten, als würden sie ein Plädoyer halten. Für die Rolle der Richterin, gespielt von Natali Broods, wollten wir eigentlich eine in Flandern sehr bekannte Richterin engagieren, was ihr Terminkalender aber verunmöglichte. Indem Natali jede Silbe eines richterlichen Texts rezitiert, haben ihre Aussagen aber etwas sehr «Wahres».
Ihr dringlicher Film zeigt im Gegensatz zu Prozessfilmen wie Saint Omer (2022) und Anatomie d’une chute (2023) Szenen, die der Öffentlichkeit sonst nicht zugänglich sind. In welchen speziellen Kontexten wird er gezeigt?
On vous croit wird in der Welt der Justiz sehr positiv aufgenommen, was uns sehr freut. Wir zeigen den Film in 28 Ländern und im Rahmen von Veranstaltungen, in denen wir eine Brücke zur Rechtsprechung schlagen. In der Schweiz zum Beispiel war der Film am Zurich Film Festival zu sehen und tourt im Rahmen des Internationalen Tags der Kinderrechte vom 20. November durch die Schweiz. Die Screenings in Bern, Zürich und in mehreren Westschweizer Städten werden von Podiumsgesprächen mit Expert:innen begleitet.