Edwin Beelers Grossvater war ein Bild von einem Innerschweizer Mann: ein umtriebiger «Büezer» vom alten Schlag, im zugerischen Oberägeri als zuverlässiger Kaminfeger allseits bekannt und geschätzt, ein grundsolides Familienoberhaupt nach traditioneller Vorstellung. Noch heute erinnert sich der 67-jährige Beeler gerne an seine Kindheitsbesuche bei seinen Grosseltern. Das Foto, auf dem sein Grossvater auf der Spitze des Dorfkirchturms seiner Arbeit nachgeht – scheinbar schwindel- und sorgenfrei –, hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt.
Es ist ein Ausgangspunkt, wie man ihn wohl bei so manchen anderen Zentralschweizer Filmschaffenden von Beelers Generation antreffen könnte. Sei es nun Erich Langjahr, Luke Gasser, Thomas Imbach, Alice Schmid oder Thomas Horat: Sie alle haben ein Flair für Bilder einer «verschwundenen» ländlichen Schweiz, für das Urtümliche, das während ihrer Lebenszeit an vielen Orten verloren gegangen ist.
© Calypso Film AG
Doch Beeler ist seit seinem umstrittenen Debüt – dem Dokumentarfilm Rothenthurm: Bei uns regiert noch das Volk (1984) über den Widerstand gegen den Bau eines Waffenplatzes – ein Filmemacher, welcher sich der allzu einfachen nostalgischen Romantisierung widersetzt. So auch in Der Mann auf dem Kirchturm: Sosehr Oberägerier Urgesteine wie Edi Iten und Alois «Zwüschenbäch-Wysel» Rogenmoser in ihren Interviewsegmenten auch in Erinnerungen an «die gute alte Zeit» schwelgen mögen, es führt nichts an der Tragödie im Zentrum des Films vorbei – der Tatsache, dass sich Beelers Grossvater 1989 das Leben nahm.
Wie schon in Hexenkinder (2020), der die Kindsmisshandlungen der Ingenbohler Schwestern auf luzide Weise mit frühneuzeitlichen Dämonensagen verknüpft, findet Beeler hier politische, soziale und kulturhistorische Relevanz im zutiefst Persönlichen. Der Mann auf dem Kirchturm beginnt als Auseinandersetzung mit dem Umstand, dass der Regisseur – wie wohl die meisten Zuschauer:innen – nur sehr wenig über die Generation seiner Grosseltern und praktisch gar nichts über seine acht Urgrosseltern weiss, und arbeitet sich im Zuge der grossväterlichen Vita zu einer Art Mikrohistorie der Schweiz im 20. Jahrhundert vor: Die Welt von gestern, von florierenden Höfen, gut gefüllten Wirtshäusern, billig erstandenen Landwirtschaftsimmobilien, Dorfclans und geläufigen Übernamen wie «Zwüschenbäch-Wysel», verwandelte sich vor den Augen von Opa Nussbaumer in die Gegenwart der Luxusvillen, Englischobligatorien, Preisexplosionen und museal am Leben erhaltenen ländlichen Brauchtümern.
Aber eben, es ist nicht – oder zumindest nicht nur – das gnadenlose Voranschreiten der Zeit, in dem Beeler nach Erklärungen für das Schicksal seines Grossvaters sucht. In seinen Recherchen, Fotoarchiv-Streifzügen und hervorgeholten Erinnerungen, eingesprochen von Hanspeter Müller-Drossaart, stösst er auf suggestive Details – auf Konkurse, von denen die Nussbaumers profitierten, auf schwarze Schafe, auf einschneidende Arbeitsunfälle, auf angebliche Flüche, die auf Menschen lasteten, und auf subtil vorgelebte Geschlechterrollen: Als kleiner Junge genoss Beeler Freiheiten, von denen seine Mutter und seine Tanten nur träumen konnten, stand bei ihnen doch hauptsächlich Hausarbeit auf der Tagesordnung.
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Dieselben Geschlechterrollen, so Beeler, lasteten denn auch auf seinem Grossvater: Die Erwartung, immer stark und unerschütterlich sein zu müssen, wird ihm ebenso zugesetzt haben wie das dörfliche Umfeld, das von Depressionen nichts wissen wollte, in dem Männer nicht über Gefühle sprachen und etwaige Traumata klaglos und unverarbeitet abzuhaken hatten. Vor dem Hintergrund beruflicher Obsoleszenz, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen ländlichen Branchen schleichend Einzug hielt, war dieses Schweigen wohl besonders fatal.
Der Mann auf dem Kirchturm verwebt diese Gedankenstränge zu einem einnehmenden Familienporträt, auch wenn sich Beeler in letzter Konsequenz ein wenig zu zaghaft zeigt. Vielleicht war die Thematik zu persönlich, womöglich war er zu bemüht darum, es den diversen mitwirkenden Familienmitgliedern recht zu machen; jedenfalls denkt der Film seine sauber argumentierte, empathische Kritik am Milieu und am Mann, die er ins Zentrum rückt, nicht ganz zu Ende. Stattdessen läuft die Dokumentation auf einen etwas gar konzilianten Schluss hinaus, bei dem sich Beelers ansonsten so scharfsinnige Autorenstimme zum ersten Mal in der Sentimentalität zu verlieren droht.