Digger erzählt vom US-amerikanischen Ölbaron Digger Rockwell (Tom Cruise), der die Welt eigenhändig an den Rand des ökologischen Kollapses führt: Bei einer Offshore-Ölbohrung vor Grönland bricht eine Eisscholle los, die nun droht, Europa unter Wasser zu setzen. Das geschieht unter den unfähigen Blicken seines Beraterstabs, der Politik und des Militärs, die Diggers Ego ausgeliefert sind und gleichzeitig über ihr eigenes stolpern, wenn es darum geht, die Welt noch vor der Katastrophe zu retten.
Der sich anbahnende Kollaps ist in Digger keine unmittelbare Realität, sondern als spürbar gekünstelte, übersteigerte Karikatur mit vulgär-komödiantischem Anstrich inszeniert. Diggers Villa etwa, von der aus er anfangs noch im Seidenpyjama die Katastrophe zu navigieren versucht, ist ein Pseudo-Versailles voller Prunk und Kitsch – weniger ein trautes Heim als eine Bühne für die Kapriolen jener Mächtigen, die bald dort zusammentreffen, um unsinnige und unproduktive Floskeln über den nahenden Untergang auszutauschen. Digger selbst erscheint als pompöser Mann der wenig komplexen Widersprüche: Den Untergang der Welt akzeptiert oder ignoriert er, solange seine dahinvegetierende, uralte Katze nicht sterben muss. Hybris in Reinform.
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Sentimental ist dieser seltsam tragische Digger Rockwell also nur, wenn es um den eigenen Mythos geht; den Rest der Welt begreift er als endloses Öl-Spielfeld. Alejandro G. Iñárritus Figuren erinnern an Stanley Kubricks Wahnsinnige in Dr. Strangelove (1964), in dem ein besonders Verrückter inmitten des Kalten Kriegs eigenhändig die nukleare Katastrophe auslöst, während die Eitelkeit mächtiger Männer das Abwenden des drohenden Doomsdays verhindert. Kubrick adaptierte für Dr. Strangelove die Peter-George-Novelle «Red Alert» (1958), erzählte den Thriller aber – trotz real drohender Nuklearkatastrophe – als pechschwarze Komödie. Sein sarkastischer Zugang sorgte damals für Debatten. Die «New York Times» bezeichnete den Film als einen «sick joke», aber auch als «the most incisive satiric thrust (…) that has ever been on the screen» – als eine der prägnantesten Satiren, die das Kino je gezeigt habe.
Auch Digger inszeniert sich über weite Strecken als Satire über den Weltuntergang, über die Gier der Milliardäre und die Unfähigkeit der Wissenschaft, der Politik und des Militärs – über das ökologische Inferno, dem wir unweigerlich entgegenrasen. Gleichzeitig stellt Iñárritu auch die zeitgemässe Frage, wie viel Satire nun, mehr als 60 Jahre nach Dr. Strangelove, überhaupt noch bewirken kann. Nicht implizit wie bei Kubrick, sondern explizit wird der improvisierte war room bei ihm bald nicht mehr nur zur Verhandlungsfläche der drohenden Katastrophe, sondern zum Ort, an dem sich die (Un-)Möglichkeiten der Satire demonstrieren.
Das ist zugegebenermassen ein eigenwilliges Konzept, dem sich Iñárritu verschrieben hat. Im glitzrigen Kostüm handelt Digger davon, gar nicht das sein zu können, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Was wie eine Komödie aussieht, ist gar keine. Denn über Trump, RFK Jr., Musk und Co. haben wir genügend gelacht; ihnen scheint es weitere Millionen und viel Macht eingebracht zu haben. Lustig und vergnüglich wie Dr. Strangelove ist Digger deshalb nicht, die satirische Abstraktion und Bissigkeit sind geblieben.
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Wohl darum erklären erste kritische Stimmen Iñárritus Projekt gerade als gescheitert, während andere Genialität darin entdecken. Tatsächlich lässt das verkopfte Metakonzept Digger stellenweise kantig und in seiner Tonalität uneben, fast unverdaulich wirken. Gleichzeitig kann man Iñárritu sein Talent schlecht absprechen, setzt er für sein doppeltes Spiel doch eindrückliche dramaturgische und inszenatorische Kunstgriffe ein, die an dieser Stelle nicht verraten werden sollen. Die flüssige Inszenierung lässt den Film zur Tour de Force werden, wobei jede Wendung mit neuen Einfällen und plötzlichen Richtungswechseln aufwartet.
Sowieso ist Digger mit viel Verve inszeniert, detailfreudig und voller Lust an aufwendigem, bombastischem Kino. Für Aufregung hat auch Tom Cruises Casting gesorgt, der hier in einer ungewohnt altersgemässen Maske seine oft unterschätzten schauspielerischen Fähigkeiten wieder unter Beweis stellt. Das gelingt auch dem Cast um ihn herum, allen voran Sandra Hüller, Riz Ahmed, John Goodman und Jesse Plemons, die in ihren Rollen den schwierig schmalen Grat zwischen humoristischer Überzeichnung und Doppelbödigkeit mit Bravour gehen. Sie liefern den Beweis, dass der ambitionierte Versuch im Kino hundertfach mehr wert ist als das angepasste Immergleiche.