Im August 2023 sass ich während des Locarno Film Festivals in einem Café und bekam unfreiwillig mit, wie sich am Nebentisch zwei mir unbekannte Journalistenkollegen über den philippinischen Regisseur Lav Diaz und seinen am Festival uraufgeführten Dreieinhalbstünder Essential Truths of the Lake unterhielten. «Unglaublich, dass ihm das alle durchgehen lassen! Da muss doch ein Produzent eingreifen», meinte der eine. «Du sitzt da und es passiert rein gar nichts auf der Leinwand», schnödete der andere. «Der respektiert einfach die Zeit der Leute nicht», resümierte einer schliesslich.
Diese Meinungen seien den beiden gegönnt (wobei das mit der angeblichen Respektlosigkeit nicht so richtig aufgeht, es sei denn, Lav Diaz würde irgendwen dazu zwingen, sich seine Filme anzuschauen). Zitiert werden sie hier nur deswegen, weil die frustrierte Empörung, die sie an jenem heissen Augustnachmittag an den Tag legten, den Gegenstandpunkt zur sogenannten Slow-Cinema-Bewegung so wunderbar prägnant zusammenfassen. Mit seinen langen Einstellungen, minimalen Plots, fehlenden dramatischen Höhepunkten und metaphysischen Spielereien ist das «langsame Kino» von Diaz, Apichatpong Weerasethakul, Lucrecia Martel, Nuri Bilge Ceylan, Carlos Reygadas und anderen für viele nicht mehr als prätentiöses Herumkünsteln, das mühsame Gegenteil zur emotional mitreissenden Unterhaltungsmaschine Film.
© Sister Distribution
Wer so denkt, bekommt mit Eureka wohl so etwas wie einen Abschlusstest vorgelegt. Denn wo etwa Apichatpongs Memoria (2021), Martels Zama (2017) oder Ceylans About Dry Grasses (2014), bei aller Langsamkeit, bei allen erzählerischen Hakenschlägen, einigermassen durchschaubare Themen und narrative Bögen verfolgten, hüllt der neue Film des Argentiniers Lisandro Alonso (Liverpool, Jauja) seine Intentionen fast gänzlich in assoziative Abstraktion.
Alonso beginnt im schwarz-weissen 4:3-Format – eingefangen von Aki-Kaurismäki-Hauskameramann Timo Salminen – mit einem nordamerikanischen Ureinwohner, der an einem Kliff ein Ritual abhält. Nach getaner Arbeit begibt er sich ins Landesinnere, wo sein Blick schliesslich auf einen Weissen Mann in klassischer Westernmontur fällt: Es ist Murphy (Viggo Mortensen), der wie in Zeitlupe durch ein amerikanisch-mexikanisches Grenzkaff streift, offenbar auf der Suche nach seiner Tochter, und inmitten maximal klischeehafter Kulissen und Revolver-Soundeffekte archetypisch überhöhte Dialogfetzen mit Chiara Mastroianni austauscht.
Bald jedoch stellt sich heraus, dass Murphys Anti-Abenteuer im Wilden Westen der 1870er Jahre nur im alten Röhrenfernseher der Oglala-Lakota-Polizistin Alaina (Alaina Clifford) existiert. Alaina selbst lebt in Farbe und Widescreen-Format in der Jetztzeit: Alonso zeigt sie auf winternächtlicher Streifenfahrt durch das Pine-Ridge-Reservat, derweil sich ihre Nichte (Sadie Lapointe) in einen Jabiru-Vogel verwandelt und einem indigenen Dorf im Brasilien der 1970er Jahre einen Besuch abstattet.
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Zweieinhalb Stunden dauert diese Seelenwanderung, die keine ist. Alaina bewegt sich noch bedächtiger als Murphy – und nicht nur, weil die Gehwege und Strassen South Dakotas zugefroren sind –, bis sie letzten Endes in einem Casino vollends zum körperlichen und geistigen Stillstand kommt. Der Jabiru wiederum wird Zeuge einer skizzenhaften Geschichte von Rivalität, Flucht, Ausbeutung, Goldfieber und, möglicherweise, Tod. Dem Publikum bleibt viel Zeit, die Details von Alonsos Innenräumen und die unterschiedlichen Beschaffenheiten der nord- und südamerikanischen Natur zu studieren.
Wer auf Slow Cinema allergisch ist, wird das wahrscheinlich unerträglich finden. Wer hingegen weniger utilitaristisch denkt als meine Tischnachbarn in Locarno und sich von dieser Form von Kino nicht respektlos behandelt fühlt, wird im zutiefst faszinierenden Eureka einiges finden, über das es sich länger nachzudenken lohnt. Denn mit seiner dreigeteilten Erzählung über verschiedene Formen indigener Identität und ihre verworrene Beziehung mit direkt und indirekt ausgeübtem Imperialismus – mit Frontier-Mythen, institutionalisiertem Rassismus und Extraktions-Kapitalismus – formuliert Alonso nicht weniger als eine raffiniert unorthodoxe, postkolonial-alternative Geschichte der modernen «Neuen Welt».