Dass das Gewehr, das zu Beginn einer Geschichte an der Wand hängt, im Laufe der Erzählung abgefeuert werden muss, weiss dank Anton Chekhov – und Unmengen an Skripthandbüchern – jede:r Filmstudent:in. Auch in der Geschichte der 23-jährigen Soo-ha (Bella Kim), die in der südkoreanischen Küstenstadt Sokcho in einer Pension arbeitet und während der winterlichen Nebensaison unverhofft als Fremdenführerin für den französischen Comiczeichner Yan (Roschdy Zem) eingespannt wird, wimmelt es von Chekhov’schen Waffen: der von allen Seiten auf Soo-ha einwirkende Druck, sich «schöner» zu machen; die ödipalen Zwischentöne zwischen Soo-ha und Yan, der sie an ihren eigenen, ihr unbekannten Vater aus Frankreich denken lässt; ihr Versprechen an den verschlossenen Besucher, ihm ein Abendessen zu kochen; der Fugu, dessen gefahrlose Zubereitung Soo-ha noch lernen muss; der Husten, den Soo-has Mutter (Park Mi-hyeon) nicht loszuwerden scheint.
Umso erstaunlicher ist es, wie wenig sich Regisseur Koya Kamura und Co-Autor Stéphane Ly-Cuong in ihrer Adaption von Elisa Shua Dusapins Roman «Hiver à Sokcho» (2016) um Chekhovs Maxim scheren. Viele der angedeuteten Konflikte bleiben ohne Eskalation, niemand stirbt an Lungenkrebs oder Kugelfischvergiftung. Dramaturgisch saubere Enden sind überbewertet, scheint Hiver à Sokcho zu argumentieren: Im Leben kommt es eh immer anders, als man denkt.
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Stattdessen lässt sich Langspielfilmdebütant Kamura von den kleinen Momenten leiten, die Kamerafrau Élodie Tahtane ruhig und unaufdringlich ins Bild setzt. Immer wieder sind es raffiniert komponierte Spiegelungen und geduldig beobachtete Gesten, die Soo-has Unsicherheit gegenüber ihrem eigenen Körper – und auch ihrem Platz im Leben – sichtbar machen: Im öffentlichen Badehaus sucht sie unfreiwillig den Vergleich mit den anderen, nicht nur halb koreanischen Körpern um sie herum; zu Hause weicht sie dem Blick ihrer Mutter aus, die ihr die Brille ausreden will; nachts studiert sie voller Konzentration den sorgfältig zurechtgemeisselten Körper ihres schlafenden Partners (Gong Doyu), der erwartet, dass sie mit ihm nach Seoul zieht, um ihm dabei zuzusehen, wie er sich Schönheitsoperationen unterzieht und seine Modelkarriere vorantreibt.
Und auch Soo-has komplizierte, zunächst schroffe, später zärtliche, dann wieder angespannte Beziehung mit Yan, der mit seinen eigenen Frustrationen nach Südkorea gereist ist, spielt sich hauptsächlich in Momentaufnahmen und bedeutungsschwangeren, aber kaum je ausformulierten, Gesprächen und Blickwechseln ab. Hier profitiert der Film auch von den herausragenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller:innen: Obwohl Yan weniger eine Figur als ein Bündel von Klischees über prätentiös-exzentrische Künstler ist, verleiht das Zusammenspiel des alten Haudegens Roschdy Zem (Indigènes, La Rançon de la gloire) und der grossartigen Newcomerin Bella Kim der Paarung die nötige Authentizität.
Gemeinsam mit Tahtanes stimmigen Bildern des winterlich verschlafenen Sokchos und dem unaufgeregten Erzählstil sorgen Zem und Kim denn auch dafür, dass der etwas gar generische emotionale Bogen, den Hiver à Sokcho beschreibt, letztlich nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Filme über ziellose junge Menschen, die mithilfe einer ambivalenten Mentor:innenfigur den Sprung in die Zukunft wagen, gibt es wie Sand am Meer. Kamuras Umsetzung aber ist gerade anregend genug, dass man seinem nächsten Projekt mit Interesse entgegensieht.