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Hiver nomade 01

Hiver nomade

Nach Erich Langjahr vor zehn Jahren (Hirtenreise ins dritte Jahrtausend) hat sich nun auch der Lausanner Musiker und Filmemacher Manuel von Stürler der Archaik der Transhumanz nicht entziehen können und in Hiver nomade im vorletzten Winter eine Herde filmisch begleitet. Wir beobachten, wie diffizil es ist, mit Hilfe der Hunde den Haufen Schafe beieinander zu halten und dort durchzuschleusen oder hin dirigieren, wo man will.

Text: Martin Walder / 31. Okt. 2012

Vielleicht hat man sie ja schon einmal durchs Zugsfenster im Schnee erspäht, vom warmen Abteil aus, in der Gegend zwischen Fribourg und Palézieux, wo sich offenes Land in weiten Wellen und noch wenig verbaut nach Westen verliert: Pascal, Carole, ihre drei Hunde, drei Esel und 800 Schafe auf Wanderschaft. Flashes aus einer andern Zeit.

Die Leitschafe haben Glöcklein und Namen; Marilyn zum Beispiel ist die wollweisse Lady mit dem schwarzen Schnäuzchen. Transhumanz wird genannt, wenn die Tiere nach dem Alpsommer im Flachland über Hunderte von Kilometern zur Mästung über die Felder und Wiesen wandern, bis dann und wann ein Transporter anhält. Fanghaken, ein prüfender Griff an den Hintern ans Fleisch unter der Wolle, und ein halbes Hundert Tiere wird vom Patron abgezweigt. Endstation Metzgerei. Die junge Hirtin schaut unbeweglich hin – was denkt sie sich? Und was denken wir uns? Was sind ihre, was unsere Bilder hinter den Bildern? Genau so wird ein Dokumentarfilm zur Erzählung. Marilyn und die paar andern mit Glöckchen werden übrigens dieses Jahr weiter im Einsatz sein, so der Trip zustande kommt. Der Lautsprecher im Coop-Laden hat Lammfleisch aus Neuseeland angepriesen.

Nach Erich Langjahr vor zehn Jahren (Hirtenreise ins dritte Jahrtausend) hat sich nun auch der Lausanner Musiker und Filmemacher Manuel von Stürler der Archaik der Transhumanz nicht entziehen können und in Hiver nomade im vorletzten Winter eine Herde filmisch begleitet. Wir beobachten, wie diffizil es ist, mit Hilfe der Hunde den Haufen Schafe beieinander zu halten und dort durchzuschleusen oder hin dirigieren, wo man will. Das heisst auch: über Landstrassen und Autobahnbrücken, um Neubausiedlungen herum, die das letzte Mal noch nicht da waren: «Disneyland» bemerkt Carole nur. Zwei griesgrämige Bauern wachen, dass ihr Terrain nicht passiert wird; andere bringen Kaffee, Pizza und Rösti, oder sie lassen die Hirten duschen und danach essen. Normalerweise kochen diese am offenen Feuer unter irgendeiner Tanne und schmelzen den Schnee im Kessel; genächtigt wird auf Fellen in einem Zelt, Zähne geputzt am Bach.

Hiver nomade 02

So prallt in Hiver nomade dank Camille Cottagnouds berückend schöner Kameraarbeit, die aber nie bloss schönt, das archaisch nomadische, sozusagen biblische Idyll auf die Wirklichkeit eines heutigen 24-Stunden-Jobs zum Riechen, Schmecken, Frieren und in den Knochen Spüren. Die Reise als Topos, zudem eine Reise, die völlig aus der Zeit zu fallen scheint, ist in diesem Film voll von sinnlicher Ruhe und Schönheit. Die (im Falle von Pascal fast gläubige) Ergebenheit in den Rhythmus eines harten Alltags wird in dem unaufgeregt präzisen Rhythmus des Films adäquat vermittelt.

Dies allein hätte genügen können. Aber da ist noch dieses seltsame Schäfer-Paar. Der Umgangston ist rau und gar nicht etwa herzlich. Der Alte faucht die junge Frau bald einmal an und schimpft sie so störrisch, wie er es wohl selber ist. Sie, 28, ist Bretonin, von Haus aus Ernährungsberaterin, er, 54, Spross einer Industriellenfamilie aus dem Herzen Frankreichs, hat bei den Bergamasker Schäfern gelernt und trägt deren Wollkleidung mit Filzhut. Mehrere Jahre waren sie zusammen auf Wanderschaft. Sind sie ein Paar? In dem nicht gelüfteten Geheimnis liegt ein kleiner Suspense. Von Stürler und seine Beraterin Claude Muret lassen für die «Erzählung» ihres Dokumentarfilms die augenfällige Distanz in der Beziehung der beiden anklingen. Da stehen sie einmal im satten Abendlicht der weiten Landschaft, einander halb zugewandt und doch jedes für sich allein, scheinen sich anzuschauen und doch aneinander vorbei, schweigend – dann setzt die äusserst sparsam gesetzte Musik des Films ein. Mache sich der Zuschauer selber seinen Reim. Das Presseheft verrät, dass Carole inzwischen ihrer eigenen Wege geht.

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 7/2012 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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