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In the Grey 2
© 2026 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved.

In the Grey: Action im Passiv

Guy Ritchie auf Autopilot: So lethargisch hat man den Action-Auteur noch selten gesehen.

Text: Alan Mattli / 15. Mai 2026
  • Regie, Buch

    Guy Ritchie

  • Kamera

    Ed Wild

  • Schnitt

    Martin Walsh

  • Musik

    Christopher Benstead

  • Mit

    Henry Cavill, Jake Gyllenhaal, Eiza González, Carlos Bardem, Rosamund Pike, Kristofer Hivju

  • Start

    14. Mai 2026

Der englische Gangsterfilm-Experte Guy Ritchie befindet sich tief im dritten Jahrzehnt einer Auteur-Laufbahn, wie es sie im zeitgenössischen Kino fast nicht mehr gibt. Um die Jahrtausendwende etablierte er in den Kultfilmen Lock, Stock and Two Smoking Barrels (1998) und Snatch (2000) seinen Stil der ebenso brutalen wie geschwätzigen Cockney-Actionkomödie und lancierte damit eine praktisch ununterbrochene, von einer treuen Fangemeinde begleitete, kommerziell nicht immer erfolgreiche, dafür von vielen kreativen Freiheiten geprägte Karriere in der Herstellung von Multiplex-Programmfüllern.

Von den 15 Filmen, die Ritchie seit Snatch realisiert hat – darunter Sherlock Holmes (2009), The Gentlemen (2019) und Wrath of Man (2021) –, sind nur fünf ohne seine Beteiligung als Produzent entstanden, und nur drei ohne seinen Drehbuch-Input. Ausser dem Disney-Live-Action-Remake Aladdin (2019) und womöglich dem Apple-TV-Streamingtitel Fountain of Youth (2025) darf man sie wohl alle in irgendeiner Form als Herzensprojekte bezeichnen.

In the Grey

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Es ist beinahe unmöglich, sich diese Vorgeschichte im Kontext von Ritchies neustem Projekt nicht noch einmal in Erinnerung zu rufen. Denn In the Grey ist allem Anschein nach ein weiteres Herzensprojekt: Ritchie zeichnet für Regie und Drehbuch, koproduziert hat seine eigene Firma Toff Guy Films, die Hauptdarsteller:innen sind seine alten Weggefährt:innen Henry Cavill (The Man from U.N.C.L.E., The Ministry of Ungentlemanly Warfare), Jake Gyllenhaal (Guy Ritchie’s The Covenant) und Eiza González (The Ministry of Ungentlemanly Warfare, Fountain of Youth), und mit seiner Geschichte einer herumwitzelnden, aber tödlichen Spezialeinheit, die einem skrupellosen Milliardär das Handwerk legen soll, operiert er mitten in seiner Komfortzone.

Aber warum nur kommt diese Angelegenheit dermassen lustlos daher? In the Grey verhält sich vordergründig wie ein Snatch oder ein RocknRolla (2008), lässt aber so ziemlich alles vermissen, was Ritchie selbst in seinen fragwürdigsten Filmen zu einem markanten Künstler macht: Den salopp vorgetragenen Dialogen fehlt das komödiantische Flair, der charakteristische Biss; der zentrale Konflikt wird kaum je nennenswert eskaliert; die bei Ritchie sonst so aparten Nebenfiguren sind blass und austauschbar; und sogar die Actionszenen, normalerweise Ritchies stylishes Steckenpferd, beschränken sich auf anonym choreografierte Schiessereien, bei denen vor allem die Reisedestination Teneriffa im Mittelpunkt zu stehen scheint.

In the Grey 1

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Als grösster Stimmungskiller erweist sich jedoch die unerklärliche Erzählstruktur. Obwohl Ritchie für seine dynamisch verknappten Rückblenden bekannt ist, in denen längere, gerne überhöht verschachtelte, zumeist kriminelle Prozesse auf ein paar pointiert nacherzählte Höhepunkte heruntergebrochen werden, wird dieses Stilmittel hier in kritischem Masse überstrapaziert. Gut 70 von 95 Minuten Laufzeit dienen der retrospektiven – und komödiantisch eben ziemlich schlaffen – Erklärung, wie die Anwältin Sophia (González) und ihr illegaler Stosstrupp unter der Leitung von Sid (Cavill) und Bronco (Gyllenhaal) das Finanzimperium von Bösewicht Manny Salazar (Carlos Bardem) sabotiert haben.

Auf dem Papier mag das nach einer organischen Weiterführung von Ritchies Markenzeichen klingen, mit einem Schuss Heist-Exposition, wie man sie aus Steven Soderberghs Ocean’s Eleven (2001) kennt – in der Praxis wirkt es aber eher wie der zum Scheitern verurteilte Versuch, die indirekte Rede einer Dorothee Elmiger auf einen populistischen Actionfilm anzuwenden. Die Konsequenz: durch und durch passives Kino, in dem gestandene Leinwandhaudegen wie Henry Cavill und Jake Gyllenhaal über weite Strecken dazu verdammt sind, tatenlos herumzusitzen, als wären sie abgehalfterte have-beens wie Steven Seagal, denen die Produktion keine richtigen Stunts mehr zutraut.

 

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