Immer wieder werden in der Golfregion die weltweit höchsten Temperaturen an bewohnten Orten gemessen. Jacqueline Zünd begleitet in ihrem neuen Dokumentarfilm Heat vier Menschen, die ihr Leben unter diesen lebensfeindlichen Umständen bestreiten: Da ist Francis, der bei seiner Arbeit als Essenslieferant täglich droht, in der Hitze zu kollabieren, Essa Ramadan, ein bekannter Meteorologe, der unermüdlich vor dem Klimawandel warnt, Sophy, eine junge Mutter, die bei Minusgraden in einer skurrilen Eislounge Tee serviert, und Carina, eine Katzenliebhaberin, die nachts grosse Eisblöcke auf die Strasse wuchtet, um den Tieren Abkühlung zu ermöglichen. Jeder neue Tag schwächt Nerven und Körper. Der Ausnahmezustand ist längst keine Ausnahme mehr.
Jacqueline Zünd / © Aris Rammos
Jacqueline Zünd, Heat ist nach Ihrem Spielfilm Don't Let the Sun (2025) wieder ein Dokumentarfilm. Haben Sie das Gefühl, etwas aus der Fiktion mitgenommen zu haben?
Nachdem meinen Dokumentarfilmen oft eine Nähe zur Fiktion nachgesagt wird, hiess es über meinen Spielfilm, dass er dokumentarisch anmutet. Das amüsiert mich. Ich habe sicher weiter gelernt, Szenen und Stimmungen für sich stehen zu lassen, ohne direkt eine Information dazu zu geben. Ich glaube, mein Vertrauen in eine filmische Erzählung hat sich noch verstärkt.
Hitze ist ein interessanter Zustand. Sie kann wohltuend, aber auch bedrohlich sein. Wo liegt Ihre Faszination mit Hitze – und wieso brauchte es nach Don’t Let the Sun noch einen Dokumentarfilm dazu?
Hitze ist wie eine Lupe. Sie verstärkt alles: Emotionen, Zustände, aber allem voran wirtschaftliche Unterschiede. Bei den Recherchen zum Drehbuch von Don’t Let the Sun stiess ich auf so viel Spannendes, das ich im Spielfilm nicht erzählen konnte. In Don’t Let the Sun habe ich eine Dystopie kreiert, in Heat habe ich eine Dystopie in der Realität gefunden.
Die Hitze verstärkt wirtschaftliche Unterschiede, die in der Golfregion ohnehin gross sind.
Es fühlt sich an wie ein kapitalistischer Albtraum. Ab einer bestimmten Temperatur teilt sich die Gesellschaft in Arm und Reich, Draussen und Drinnen. Die einen leben in komplett klimatisierten Welten und lassen sich alles, was sie brauchen, vom Delivery-Driver an die Haustür liefern. Dabei leiden Arbeitsmigrant:innen oft doppelt unter dem Klimawandel. Sie ziehen häufig aus Ländern wie Pakistan oder Indien, in denen sie aufgrund von Dürre keine Existenz mehr haben, in die Golfregion und werden dort ausgebeutet.
Heat / © Taskovski Films Ltd/Filmcoopi
Heat ist dennoch kein Film, der die Kausalkette des Klimawandels zurückverfolgt. War das je Teil des Konzepts?
Meine Filme sind eigentlich immer Übersetzungen eines Zustands. Das hat angefangen bei Goodnight Nobody (2010), mit dem Zustand Schlaflosigkeit. Ich nehme zurzeit eine gewisse climate fatigue war; die Menschen scheinen emotional erschöpft, überfordert, ja gar desinteressiert. Gerade deshalb erschien es mir sinnvoll, eine andere Herangehensweise zu wählen und die Hitze als Zustand und Grenzerfahrung filmisch umzusetzen.
Wir lernen im Film vier Protagonist:innen kennen. Haben sie alle denselben Bezug zur Hitze?
Natürlich leiden sie alle unter der Hitze, aber nicht jede:r auf dieselbe, existenzielle Art. Ich habe im Casting-Prozess bewusst versucht, Menschen aus verschiedenen Schichten zu zeigen. Essa Ramadan, der Meteorologe, ist gleichzeitig ein Repräsentant der Reichen: Einerseits sensibilisiert er für den Klimawandel in Kuwait, andererseits hält auch er sich meist drinnen auf. Auch er verreist im Sommer in kühlere Länder. Ich fand diese Ambivalenz spannend. Und natürlich die zwei Arbeitsmigrant:innen Sophy und Francis: Sophy ist in ihrer Arbeit extremer Kälte ausgeliefert, Francis extremer Hitze. Und Carina mit ihren Katzen ist irgendwo dazwischen und kämpft ihren Kampf auf ihre Art.
Der Essenslieferant Francis wirkt in seiner Darstellung – mit dem Helm, den er nie abnimmt, und den spektakulär gefilmten Motorradfahrten – stärker inszeniert als Carina, der die Kamera spontan zu folgen scheint. Wie sind Sie an die Inszenierung Ihrer Protagonist:innen herangegangen?
Ich kondensiere das, was ich bei der Recherche von einem Leben sehe, und schreibe dann Szenen, die diesen Menschen erzählen. Dass der Delivery-Driver nur in seinem Helm gezeigt wird, hat verschiedene Gründe. In einem Land, in dem es keine Rede- und Pressefreiheit gibt, war es unmöglich, jemanden zu finden, der uns seine Geschichte erzählt. So habe ich jemanden gesucht, der bereits zurückgekehrt ist. Ich habe Francis gefunden, der mit uns aus Uganda seine Erinnerungen an seine Zeit als Delivery-Driver teilt. Auf der Bildebene ist dabei Milan zu sehen, der heute noch als Delivery-Driver in den Emiraten arbeitet. Der Helm ist auf der einen Seite Schutz, auf der anderen Seite lässt diese Anonymität seine Geschichte auch für alle anderen stehen.
Heat / © Taskovski Films Ltd/Filmcoopi
Gibt es bei Arbeitgeber:innen oder beim Staat kein Problembewusstsein?
Doch, schon. Aber meiner Meinung nach ist das eher Oberflächenkosmetik. Die grossen Delivery-Firmen stellen im Sommer Cooling-Busse für die Fahrer hin oder verschenken Wasserflaschen und Kühltücher. Ein Tropfen auf dem heissen Stein. Aber die Menschen merken schon, dass die Hitze ein Problem ist, und geben dem durchnässten Lieferanten mehr Trinkgeld.
Wie war es auf behördlicher Ebene, in der Golfregion zu drehen?
Es ist sehr aufwendig und teuer, dort zu drehen. Man muss vorher angeben, was man drehen möchte. Das geht dann durch einen Bewilligungsprozess. Und dann braucht man eine Serviceproduktion vor Ort, die den Dreh ständig begleitet. Man muss ganz genau angeben, wo man von wann bis wann dreht – für einen Dokumentarfilm eigentlich unmöglich. Wir hatten mehrere schwierige Momente mit den Behörden, trotz aller Bewilligungen. Vor allem beim Dreh des Essenslieferanten. Das ist natürlich ein heikles Thema – sie mögen es nicht, wenn man diesen Human-Rights-Aspekt beleuchtet.
Wie erlebten Sie und Ihre Crew die Dreharbeiten unter diesen extremen klimatischen Bedingungen?
Die Drehumstände waren der Horror. Das war mir absolut nicht bewusst beim Schreiben meines Projekts. Nach dem ersten Dreh dachte ich, es ist gar nicht möglich, so einen Film zu machen. 46, 47 Grad werden mit dieser hohen Luftfeuchtigkeit ziemlich schnell lebensbedrohlich, weil man nicht schwitzen kann. Zum Glück versagt die Technik zuerst, die Kameras überhitzten nach 20 Minuten und wir konnten nicht weiterdrehen. Dann zogen wir uns in den gekühlten Wagen zurück. Aber ich hatte zwei Momente, in denen ich wirklich gesundheitlich an die Grenzen kam. Ein drohender Hitzschlag ist etwas Ernstes. Das kann tödlich enden.
Heat / © Taskovski Films Ltd/Filmcoopi
Die filmische Übersetzung von Hitze ist auf der Bildebene im Spiel mit Unschärfen und im Grading wahrzunehmen, im Sound durch spezielle hohe Töne und dunkles Wummern. Welche anderen Ideen haben Sie mit Ihrem Editor Gion-Reto Killias und Ihrem Sounddesigner Oscar van Hoogevest besprochen?
Das ist gut gelesen, das sind die Hauptingredienzen. Für Gion-Reto und Oscar war das Reproduzieren von Hitze auf Tonebene eine interessante Aufgabe. Wie klingt heiss? Der Ton muss eine physische Belastung sein, aber natürlich nicht so stark, dass die Menschen aus dem Kino rennen.
Der Ton geht immer an eine Grenze.
Es ist ein Grenzbereich, genau. Wir haben diese Töne nicht nur 80 Minuten lang gehört, sondern täglich. Das war teilweise eine Herausforderung. Auf der Bildebene war die Arbeit zu Beginn ziemlich frustrierend. Es ist in der Golfregion oft so, dass die Sonne gar nicht zu sehen ist. Wir sind vor Hitze beim Dreh fast kollabiert und die Bilder sahen überhaupt nicht heiss aus. Wir haben dann im Grading noch ziemlich elaboriert an den Farbnuancen gearbeitet, damit die Hitze trotz fehlender Sonne spürbar wird.
Die Bilder wirken sorgfältig gestaltet, manchmal wie aus einem Videospiel. Ist das Ihr Geschmack?
Es ist ein Kinofilm, die Bilder sollen meiner Meinung nach eine visuelle Kraft haben. Für mich ist das auch immer eine Form von Respekt meinen Protagonist:innen gegenüber. Ich finde, das macht sie auch ein Stück grösser. Ein Film ist für mich nicht authentischer, nur, weil eine Kamera wackelt. Ich liebe es, wenn die Kamera hinter einer Person hergeht – wie das oft auch in Videogames vorkommt. Das bietet einem die Möglichkeit, die Umgebung beim Vorbeigehen zu betrachten, als Zuschauer:in selbst durch diese Welt gehen zu können.
Heat / © Taskovski Films Ltd/Filmcoopi
Welche Stellung bezieht Ihr Film? Ist er resignativ oder schimmert Hoffnung durch?
Das überlasse ich dem Publikum, ob es da noch eine Hoffnung sieht. Auf jeden Fall sehe ich immer Hoffnung in den Geschichten der Menschen. Ich finde es bewundernswert, wie Essa, der Meteorologe, seit 20 Jahren kämpft. Ich finde auch Carinas Geschichte schön, denn sie versucht, die Welt auf ihre Art im ganz Kleinen zu ändern, und zwar mit viel Engagement.
Ist Heat als Warnung gemeint?
Es ist zumindest ein Versuch, dem «Nobody listens» von Essa Ramadan etwas entgegenzusetzen.
Junge Kritik
Diese Kritik entstand im Rahmen einer Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) am Dokumentarfilmfestival Visions du Réel 2026 in Nyon.