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Mit der Bibel gegen die Frevel der Erwachsenen

Kirill Serebrennikovs Drama The Student (Uchenik) zeigt die Formierung von ultraorthodoxen, reaktionären Ideen. Ein fesselndes Gesellschaftsporträt der heutigen russischen Gesellschaft, das sich als Auseinandersetzung zwischen den Generationen auch in der Realität auf den Strassen Russlands fortsetzt. Der Film hat in Fribourg gute Chancen auf den Preis im Internationalen Wettbewerb.

Text: Timo Posselt / 04. Apr. 2017

An einer Stelle sagt der beigezogene Pfarrer: «Die Wege des Herrn sind unergründlich.» Selbst der Geistliche scheint im Film The Student (Uchenik) von Kirill Serebrennikov ratlos, ob der unnachgiebigen Radikalisierung des Schülers Veniamin. Dieser spricht nur noch in Bibelzitaten und erachtet das hormonell aufgeladene Umfeld seiner Mitschülerinnen und Mitschüler im als genauso frevelhaft wie die Scheinheiligkeit der Erwachsenen. Der Film zeigt seine Radikalisierung zum fundamentalistischen orthodoxen Gläubigen in intimen Bildern, mit einer Kamera, die sich nah an seinen Protagonisten hält und das Milieu der russischen Sekundarschule in vibrierenden Körperlichkeit zeigt.

The student cannes interview serebrennikov

Da ist der behinderte Mitschüler Grigoriy der Veniamins Fundamentalismus folgt, um näher bei ihm zu sein und dafür stoisch dessen Peinigungen und Gewalt erträgt. Und da ist die Mitschülerin Lidiya, die genauso mit ihrer Anziehung auf die Mitschüler wie auf den Sportlehrer spielt. Was mit einem Zwischenfall im Schwimmunterricht beginnt, endet in Veniamins Sabotage des Biologieunterrichts. Wo er sich sowohl gegen den Aufklärungsunterricht mit Karotten und Kondomen wie auch die Vermittlung der Evolutionstheorie der Biologielehrerin Elena stellt. Zwischen ihr und dem bibelfesten Tunichtgut entspinnt sich ein verbaler Zweikampf, der dem Film weiteren Sog verleiht.

Dabei bleiben die Gründe für Veniamins radikales Aufbegehren uns genauso wie dem Heer an Erzieherinnen und Erziehern, die sich darum kümmern, völlig verborgen. Der Film lenkt seinen Blick auf etwas anderes: Die ultrakonservative Revolte des Schülers ist ein Trigger für die versteckten radikalen Ansichten der Erwachsenen. Während sich die Lehrerin Elena durch ihr Beharren auf laizistischen Grundsätzen in die Misere manövriert, stösst Veniamin auf immer mehr Zustimmung und fördert die Homophobie seiner Mitschüler und den nur scheinbar überwundenen Antisemitismus der Erwachsenen zutage. So entspinnt sich der achte Film des 58-jährigen Regisseur Kirill Serebrennikov zu einem fesselnden Gesellschaftsporträt der heutigen russischen Gesellschaft. Dieses erfährt zurzeit eine ungeahnte Aktualisierung: Seit zwei Wochen gehen wiederholt im ganzen Land SchülerInnen und StudentInnen bei nicht genehmigten Demonstrationen gegen Korruption auf die Strasse. Sie folgen den Aufrufen des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny, der inzwischen unter Hausarrest steht und als möglicher Gegenkandidat zu Putin für die Präsidentschaftswahlen 2018 gehandelt wird. So zeigen sich auf den Strassen Russlands derzeit die gesellschaftlichen Gräben, die auch in The Student den Mikrokosmos der Schule durchzieht. Regisseur Serebrennikov zeigt im Kleinen, an was die russische Gesellschaft im Grossen krankt. Während der Film bereits 2016 in Cannes in der Sektion Un Certain Regard lief, hat er in Fribourg gute Chancen auf den Preis im Internationalen Wettbewerb.

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