Plötzlich geht das Licht auf dem Tel Aviver Hausdach aus und der israelische Journalist und Filmemacher Yuval Abraham und sein Interviewpartner sitzen in nächtlicher Dunkelheit. Letzteren, ein ehemaliges Mitglied der israelischen Armee, international bekannt als IDF, scheint das kaum zu stören; unberührt setzt er seinen angefangenen Gedankengang fort: Er habe einmal eine Reise nach Polen gemacht und sich dabei gefragt, wie es nur möglich war, dass so viele Deutsche unter dem Nationalsozialismus an der Verübung des Holocaust beteiligt waren und gleichzeitig ein mehr oder weniger normales Leben führen konnten.
Inzwischen aber, sinniert der Ex-Soldat in monotoner Stimme, sei diese Realität ja auch in Israel angekommen: Man drückt einen Knopf, eine Drohne macht einen Wohnblock in Gaza dem Erdboden gleich, hunderte palästinensische Zivilist:innen sterben – und wenn der Militärdienst geleistet ist, wartet das Psychologiestudium. «Ich halte die Deutschen von damals immer noch für böse. Aber was bin ich dann?»
NAZA, der neue Dokumentarfilm von Yuval Abraham und Rachel Szor, die 2024 mit den Palästinensern Basel Adra und Hamdan Ballal den Oscar-prämierten No Other Land in die Kinos brachten und damit für reichlich Furor(e) sorgten, ist nach dem euphemistischen IDF-Codewort für «menschliche Kollateralschäden» benannt. Die Prämisse, basierend auf der investigativjournalistischen Arbeit, die Abraham und Szor in Kollaboration mit dem englischen «Guardian» und dem israelisch-palästinensischen Magazin «+972» produziert haben, ist simpel: Zwischen 2023 und 2025 führte Abraham im nächtlichen Tel Aviv Interviews mit 24 IDF-Veteran:innen, die sich unter strikten Anonymisierungsauflagen bereit erklärt hatten, ihre Rolle im anhaltenden Gaza-Feldzug zu beschreiben.
Was auf dieser Grundlage in nur knapp 80 Minuten dargelegt wird, ist in der Breite kaum überraschend. Dass der ursprüngliche Vorwand für den IDF-Einmarsch und -Drohnenkrieg in Gaza – die Zerstörung der Hamas – längst nicht mehr haltbar ist, dürfte angesichts zehntausender ermordeter Palästinenser:innen und grossflächig zerbombter Infrastruktur zumindest all jenen klar sein, die sich die brutale militärische Antwort Israels auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 nicht haben schönreden lassen.
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Im Detail jedoch sind Abrahams Interviews schockierend – und von immensem aufklärerischem Wert. Täter:innen sprechen ausführlich und mit viel technischer Präzision über die dystopischen Dimensionen des israelischen Überwachungsapparats in Gaza, über die mit KI und anderen Algorithmen automatisierte Identifizierung «legitimer Ziele», über den institutionellen Gleichmut hinsichtlich «NAZA», über die wissentliche und vorsätzliche Erschiessung von Kindern und Hilfesuchenden, über die entmenschlichende Videospiellogik einer Kriegsführung, bei der das Töten an Maschinen und digitale Modelle ausgelagert wird. Die Frage, die seit drei Jahren weltweit die Gemüter in Politik und Medien erhitzt, ist aus Sicht dieser IDF-Operateur:innen nicht der Rede wert: «Verübt Israel einen Genozid in Gaza?», fragt Abraham einen von ihnen. «Ja», antwortet dieser, ohne zu zögern.
Rachel Szors nachdrücklich voyeuristische Nahaufnahmen hell erleuchteter Tel Aviver Wohnzimmerfenster, die als Übergangseinstellungen dienen, sind in diesem Zusammenhang als symbolische Umkehr der bestehenden Machtverhältnisse zu verstehen: Im Panopticon Gaza sind Palästinenser:innen einem noch viel drastischeren einseitigen Blickregime ausgesetzt. So, wie Abraham die Identitäten seiner Gegenüber im Dunkeln lässt, lässt auch Szor die Israelis, die hinter den gefilmten Fenstern ihren abendlichen Zerstreuungen nachgehen, anonym bleiben. Wer sich am Voyeurismus in Tel Aviv stösst, das lückenlose Mobiltelefon-Hacking in Palästina, auf dessen Basis tödliche Militärschläge geplant, koordiniert und ausgeführt werden, aber als legitimes Mittel betrachtet, bekräftigt letztlich das Argument des Films.
NAZA beschreibt ein System, in dem die Diffusion der Schuldfrage zentral ist. Ein Sprecher beteuert, in seiner Einheit habe es keine Rassist:innen gegeben; ein anderer gibt an, nur ein kleines Zahnrad in einer grossen Maschine gewesen zu sein. «Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es jemand anders gemacht.» Die Ironie, dass das alles verdächtig nach dem 1962 in Israel hingerichteten SS-Funktionär Adolf Eichmann klingt, nach der «Banalität des Bösen», wie Hannah Arendt sie im Schatten des Holocaust formulierte, scheint während der Interviews nur Abraham aufzufallen.
Wie bereits in No Other Land geht es in NAZA darum, Zeugnis abzulegen, festzuhalten, dass die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die vor allem – aber nicht nur – an der Bevölkerung Gazas begangen werden, kein Geheimnis sind. «Wir wussten von nichts» war schon im Deutschland der Nachkriegszeit wenig mehr als heuchlerische Verlegenheitsfloskel oder bestenfalls zwanghafte Selbsttäuschung. Im israelischen und globalen Kontext 2026 ist es schlichtweg Realitätsverweigerung.