Der vierjährige Sigurd hat keinen Vater. Also doch, irgendwie schon. Aber halt eben auch nicht. Es ist schwierig zu erklären. Darum hat ihm seine Mutter Edith (Lisa Loven Kongsli) ja auch das Bilderbuch in den Kindergarten mitgegeben, in dem der komplexe Sachverhalt kindgerecht erklärt wird: Mama hat sich ganz fest ein Kind gewünscht, hatte aber keinen Partner, also ging sie zur Samenbank. Vom Spender weiss sie nicht mehr als das, was im anonymisierten Fact-File über ihn steht: Spendenmotivation, Hobbys, ungefähre Berufsbezeichnung.
Doch so ein Buch löst eben auch nicht alles. Weder die Kinder noch der Kindergärtner haben es gelesen, und auch Sigurd würde vor dem Schlafengehen lieber endlich einmal eine andere Geschichte hören. Vielleicht ist die Sache mit der fehlenden Vaterfigur auch einfach eine Projektion von Edith, die sich ihr eigenes Hadern mit ihrem Familienentwurf nicht eingestehen will: Dass Sigurd auf dem Spielplatz ein Aussenseiter ist, liegt wohl mehr an seinem Desinteresse an Plastikspielzeug und seiner Liebe für einzigartige objets trouvés.
© Frenetic Films AG
Das missliche Schicksal nimmt seinen Lauf, als Edith von einer anderen alleinerziehenden Mutter (Trude-Sofie Olavsrud Anthonsen), deren Tochter denselben Spendervater wie Sigurd hat – und die für sie mehr Gratis-Babysitterin als Freundin zu sein scheint –, den Namen des ominösen Spenders erfährt. Von der Neugier übermannt, organisiert die «Aftenposten»-Journalistin unter dem Vorwand eines Interviews ein Treffen mit ihm. Was genau sie sich von Gamedesigner und Familienvater Niels (Herbert Nordrum) erhofft, ist selbst ihr nicht so ganz klar – doch bald schon weicht ihr Interesse an etwaigen Erbkrankheiten einer Faszination, die kaum noch etwas mit Sigurds Wohl zu tun hat.
Mit ihrer Mischung aus einfühlsamem Charakterdrama und leicht absurder Cringe-Komödie bewegt sich Janicke Askevold in ihrem zweiten Langspielfilm sichtlich auf den Spuren anderer norwegischer Gegenwartsfilmemacher:innen, allen voran Joachim Trier (The Worst Person in the World, Sentimental Value) und Dag Johan Haugerud (Oslo Stories: Dreams). Und wie die beiden erweist auch sie sich letztlich als etwas zu zaghaft, wenn es darum geht, das emotionale und dramatische Potenzial ihrer Geschichte auszuschöpfen.
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In seinen besten Momenten lotet Solomamma die psychologischen Untiefen seiner einnehmenden, aneckenden Hauptfigur aus. Immer wieder fordert Edith die Sympathien des Publikums mit ihren oftmals fragwürdigen Entscheidungen, ihrer Tendenz, unbequeme Realitäten auszublenden und eigennütziges Verhalten zu rationalisieren, heraus. Lisa Loven Kongsli spielt sie als Person, die sich selbst als selbstbewusste Protagonistin versteht, ohne zu merken – oder mindestens, ohne anzuerkennen –, dass ihr dabei der Sinn für die Menschen um sie herum abhandenkommt.
Nach und nach drängt sich aber das mitunter recht didaktische Drehbuch von Askevold, Jørgen Færøy Flasnes und Mads Stegger in den Vordergrund, um Edith davor zu bewahren, zu einer wahren Antiheldin im Stile einer Maggie Gyllenhaal in The Kindergarten Teacher (2018) zu werden. So wird aus dem zunächst durchaus anregenden Psychogramm schliesslich ein enttäuschend austauschbares, fast schon zwanghaft versöhnliches Beziehungs- und Selbstfindungsdrama.