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Soudain
© Frenetic Films AG

Soudain: Leben ist schön

Im Angesicht des Todes freunden sich zwei Frauen miteinander an: Ryūsuke Hamaguchi ist einmal ein berührendes Charakterdrama gelungen.

Text: Alan Mattli / 26. Aug. 2026
  • Regie

    Ryūsuke Hamaguchi

  • Buch

    Ryūsuke Hamaguchi, Léa Le Dimna

  • Kamera

    Alan Guichaoua

  • Schnitt

    Minori Akimoto, Azusa Yamazaki

  • Musik

    Samuel Andreyev

  • Mit

    Virginie Efira, Tao Okamoto, Kyōzō Nagatsuka, Jean-Charles Clichet, Marie Bunel, Kodai Kurosaki

  • Start

    27. August 2026

Im Grunde ist Soudain ein typischer Ryūsuke-Hamaguchi-Film. Zwei Frauen, die sich über eine Laufzeit von fast 200 Minuten in ausgedehnten Dialogszenen über das Leben, den Tod, die Kunst und das Existieren im Spannungsfeld sozialer und ökonomischer Zwänge unterhalten? Das kann fast nur das Werk des Regisseurs und Autors von Drive My Car (2021), Wheel of Fortune and Fantasy (2021) und Evil Does Not Exist (2023) sein.

Eher untypisch ist allerdings, dass in Soudain nicht nur – ja, nicht einmal hauptsächlich – Japanisch gesprochen wird. Denn die von Hamaguchi und Léa Le Dimna verfasste Adaption eines Briefwechsels zwischen der Anthropologin Maho Isono und der krebskranken Philosophin Makiko Miyano spielt überwiegend am Pariser Stadtrand und dreht sich, zunächst jedenfalls, um die Französin Marie-Lou (Virginie Efira). Diese leitet ein Pflegeheim für demenzkranke Menschen, wo sie versucht, ihr überarbeitetes Personal im Humanitude-Konzept zu schulen – einer zeitaufwendigen Pflegephilosophie, nach der Demenzpatient:innen zur Mobilität motiviert und in ihrem eingeschränkten Bewusstsein ernst genommen werden.

Soudain 1

© Frenetic Films AG

Mit der ihm eigenen Geduld verbringt Hamaguchi den Grossteil der ersten Filmstunde damit, Marie-Lous Alltag quasidokumentarisch festzuhalten. Wie schon die Theaterproben in Drive My Car oder die Gemeindeversammlungen in Evil Does Not Exist etablieren hier Teamsitzungen, Diskussionsrunden und beobachtende Szenen der Humanitude-Methode in der Praxis sowohl die diversen Figuren als auch das spezielle Arbeitsmilieu, in dem sie sich bewegen.

Doch dann besucht Marie-Lou nach einer Zufallsbekanntschaft im Park ein avantgardistisches Theaterstück, in dem der Schauspieler Gorō (Kyōzō Nagatsuka) den italienischen Psychiater Franco Basaglia spielt, und freundet sich in der Folge mit Gorō, seinem autistischen Enkel Tomoki (Kodai Kurosaki) und vor allem der Regisseurin Mari (Tao Okamoto) an. Ein ausgedehnter Abendspaziergang entlang der Seine bricht Marie-Lous Routine wie auch den Film auf: Mit einem Gemisch aus Französisch und Japanisch erzählen sich die beiden Frauen von ihrem jeweiligen Werdegang, Marie-Lou von ihrer Zeit in Japan, Mari von ihrer Liebe für die französische Sprache – und ihrer Krebserkrankung.

Von da aus entwickelt sich Soudain in klassischer Hamaguchi-Manier in Richtung zärtlicher emotionaler und intellektueller Katharsis, Whiteboard-Vortrag über den Todestrieb der kapitalistischen Ordnung inklusive. Dabei spielt das Drehbuch geschickt mit der Kapazität des Kinos, in hochgradig kondensierter Form intime Beziehungen zu simulieren. Obwohl Marie-Lou und Mari sich immer wieder sagen, dass sie sich trotz allem ja kaum kennen, kommen einem die beiden rasch vertrauter vor als Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis.

Soudain 2

© Frenetic Films AG

Im Vergleich mit Hamaguchis japanischen Filmen fehlt Soudain allerdings die ausgeprägte Sensibilität für den soziokulturellen Kontext, in dem sich das Drama abspielt. Während sich ein Asako I & II (2018) oder ein Wheel of Fortune and Fantasy unterschwellig auch mit den subtilen Spezifitäten der japanischen Gesellschaft auseinandersetzt, macht sich der Schauplatz Frankreich, die Realität, in den 2020er Jahren in Emmanuel Macrons fünfter Republik zu leben, hier nicht allzu konkret bemerkbar. Dass der Film an dieser Dimension aber dennoch interessiert ist, zeigen die leider allzu spärlichen Dialogfetzen, in denen Mari das zeitgenössische Japan – insbesondere die aus ihrer Sicht negativen Veränderungen, die seit dem Tōhoku-Erdbeben 2011 stattgefunden haben – kritisiert.

Einen Abbruch tut dies der Affiche aber kaum, denn Hamaguchi ist und bleibt einer der besten Filmemacher der Gegenwart. Das zeigt allein schon seine einmal mehr vorzügliche Schauspielführung, welche die wunderbaren Hauptdarstellerinnen Virginie Efira (Benedetta, Vie privée) und Tao Okamoto (The Wolverine, Westworld) bei ihren herausragenden, beim Filmfestival von Cannes zu Recht ausgezeichneten Leistungen tatkräftig unterstützt. Vieles mag über die Figuren im Dunkeln bleiben, gerade hinsichtlich Maris Biografie; aber wenn sich Okamoto im Pflegeheim-Pausenraum eine Lindor-Kugel in den Mund steckt, einen Moment lang innehält und schliesslich die knisternde Verpackung in der eigenen Hosentasche verstaut, dann wirkt das wie ein erhellenderes Stück Charakterisierung als so manche autoritative Hintergrundinformation. In Abwesenheit handfester Details fangen Efira und Okamoto die Essenz ihrer Figuren ein – bis eine neuerliche Enthüllung alles wieder neu sortiert.

 

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