Auf regelmässige Konsument:innen von Schweizer Kino wartet in The Invite, der neuen Beziehungskomödie von Olivia Wilde, ein Déjà-vu. Ein wegen jeder noch so kleinen Nichtigkeit in Streit geratendes Paar erwartet ein benachbartes Paar, das des Nachts jeweils mit lauten Schlafzimmergeräuschen auf sich aufmerksam macht, zur Dinnerparty? Das klingt doch verdächtig nach Sabine Boss’ Die Nachbarn von oben von 2023 mit Roeland Wiesnekker, Ursina Lardi, Sarah Spale und Max Simonischek in den Hauptrollen.
Tatsächlich hat hier die Schweizer Filmindustrie für einmal schneller auf adaptierbares Quellenmaterial reagiert als Hollywood. The Invite, wie schon Die Nachbarn von oben, basiert auf dem Film Sentimental (2020) des Katalanen Cesc Gay, der wiederum auf Gay eigenem Bühnen-Kammerspiel «Els veïns de dalt» (2015) fusste.
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Folgerichtig arbeitet sich Olivia Wildes dritte Regiearbeit – nach der charmanten Coming-of-Age-Komödie Booksmart (2019) und dem verunglückten Psychothriller Don’t Worry Darling (2022) – durch dieselbe erzählerische Eskalation wie ihre Vorgängerwerke. Seth Rogen und Wilde selber spielen das romantisch abgelöschte Elternpaar Joe und Angela: Er trauert trotz stabiler finanzieller Verhältnisse noch immer dem geplatzten Traum von der Musikkarriere nach, sie versucht, mit innenarchitektonischen Projekten ihrer vernachlässigten kreativen Ader zu frönen. Ganz anders Piña (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton): Nicht nur verunsichern die beiden Joe und Angela mit ihrer sexuellen Aufgeschlossenheit; sie lassen sich vom endlosen Kabbeln ihrer Gastgeber:innen auch nicht aus dem Konzept bringen. Im Gegenteil: Vielleicht, so Psychologin Piña, kann dieser schicksalhafte Abend ja als Wendepunkt in der Beziehung dienen.
Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz und Edward Norton sind denn auch eines der besten Verkaufsargumente von The Invite. Voller Spielfreude stürzt sich das Quartett in die Aufgabe, vier gewollt überzeichneten Figuren, die allesamt von ihrer emotionalen Reife ein wenig zu überzeugt sind, tragikomisches Leben einzuhauchen – einfühlsam, aber stets auch im Wissen, dass selbst im emotionalsten Monolog noch etwas Lächerliches mitschwingt. Gerade Rogen und Wilde blühen in ihren Rollen auf – der gelernte Komiker mit der Verletzlichkeit, die er seit Knocked Up (2007) und 50/50 (2011) kontinuierlich geschärft hat, die Regisseurin mit einem furios absurden Mienenspiel.
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Auch handwerklich ist der Film als Statement von Wilde zu verstehen, geht sie die Mission Kammerspiel doch mit offensiver Experimentierfreude an. Unkonventionelle Bildkompositionen mit viel Leerraum unterstreichen, wie stark die erzwungen höfliche Ausnahmesituation die Akteur:innen aus dem Konzept bringt; rasante Kameraschwenks, schnelle Schnitte, sich überlagernde Dialoge machen fassbar, wie hier quasi in Echtzeit die Beziehungskarten neu gemischt werden. Wilde zieht alle ästhetischen und inszenatorischen Register, um der stationären Prämisse die nötige Dynamik zu verleihen.
Wie schon Die Nachbarn von oben jedoch kommt auch The Invite nicht an der grundlegenden Fehlkalkulation dieser Prämisse vorbei. Gay, Boss und nun auch Wilde – respektive das Drehbuchduo Will McCormack und Rashida Jones – konstruieren eine Erzählung, die sich als grenzüberschreitend und frivol ausgibt, in Wahrheit aber kaum über hemdsärmelig-biedere Witze über Polyamorie, Gruppensex und Analstimulierung hinauskommt. Die auf Hochglanz polierte Ästhetik macht die inhaltlichen Gemeinplätze nicht weniger banal.