Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes Christopher Nolan: Nachdem er mit dem Physiker-Biopic Oppenheimer (2023) einen Milliardenhit und Oscar-Abräumer gelandet hatte, nahm er sich Homers «Odyssee» vor – und stach damit mitten ins Wespennest des kulturellen Diskurses. Respektlos sei es, ohne griechische Co-Autor:innen griechisches Kulturgut zu verfilmen, meinten die einen. Ahistorisch sei es, die Soldaten des Trojanischen Kriegs in pseudorömischen Protzrüstungen herumlaufen zu lassen, meinten die anderen. Was Nolan denn einfalle, in seiner Version dieses «abendländischen Urtexts» den trans Darsteller Elliot Page zu casten und Helena, Inbegriff europäischer Schönheit, von der Schwarzen Schauspielerin Lupita Nyong’o verkörpern zu lassen, fragten die Allerlautesten und, Verzeihung, Allerdümmsten.
Das vielleicht grösste Kompliment, das man The Odyssey nach diesem monatelangen, von vorne bis hinten ermüdenden Vorlauf machen kann: Sobald der Film angefangen hat, bricht dieses ganze diskursive Gerüst in sich zusammen und gibt den Blick frei auf ein grosses Pop-Kunstwerk, das zuallererst einfach unglaublich unterhaltsam ist. (Um die grossen Reizthemen aber doch noch kurz angesprochen zu haben: Page und Nyong’o machen ihre Sache tadellos – Letztere sogar in einer Doppelrolle –, und die rund zwei Minuten Screentime der beiden unterstreichen, wie zynisch der reaktionäre Aufschrei wirklich war.)
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Von diversen Übersetzungen des Quellenmaterials geleitet – und unterstützt von Versatzstücken aus posthomerischen Apokryphen wie Vergils «Aeneis» –, erzählt Nolan die Geschichte von Odysseus (Matt Damon) und seiner 20-jährigen Irrfahrt von Troja zurück ins heimische Ithaka aus konkurrierenden Perspektiven und, wie es sich für den Regisseur von Memento (2000), Inception (2010), Dunkirk (2017) und Tenet (2020) gehört, auf mehreren Zeitebenen. Während Sohn Telemachos (Tom Holland) versucht, in Erfahrung zu bringen, was mit seinem Vater geschehen ist, um seine Mutter Penelope (Anne Hathaway) vor den Freiern zu bewahren, die Odysseus’ Platz auf dem leeren Thron von Ithaka einnehmen wollen, ist Odysseus auf der Insel der Kalypso (Charlize Theron) gestrandet, wo er sich langsam an seine verdrängten Erinnerungen herantastet – an den Fall von Troja, an seine verschollene Schiffsmannschaft, an die Monster und Naturgewalten, die ihm die Götter in den Weg gelegt haben, an sein Zuhause, das ihm längst fremd geworden ist.
Nolan vereint hier seine wohlbekannte Liebe fürs monumentale Spektakel mit seinem Interesse an Geschichten übers Geschichtenerzählen – und mit seiner besonders während der letzten zehn Jahre in den Vordergrund getretenen Faszination für die suggestive Macht des historischen Narrativs. Auch Fans von David Lowerys The Green Knight (2021) und den Filmen von Robert Eggers (The Northman) dürften hier einige Motive wiedererkennen.
The Odyssey spielt, wie eine Texteinblendung zu Beginn festhält, «in einer Zeit scheinbarer Magie», und Odysseus’ Abenteuer gestalten sich entsprechend surreal, prismatisch gebrochen, von Kriegsveteranenfabeln, Hörensagen, zeitlicher Distanz und Lotusblumenräuschen verändert, ausgeschmückt, überhöht. Wie wörtlich ist Nolans eindrückliche Inszenierung der riesenhaften Laistrygonen oder des einäugigen Menschenfressers Polyphem wirklich zu nehmen? War Achilles tatsächlich der legendäre Held auf dem trojanischen Schlachtfeld, Agamemnon (Benny Safdie) ein formidabler Feldherr? Oder sind das lediglich die Erzählungen, die im Nachhinein besser klingen, dem sinnlosen Gemetzel einen epischen Anstrich, einen tröstlichen Telos verleihen?
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So gelingt es dem Film, Homers «Odyssee» sowohl als aufregendes, angemessen pathetisches antikes Märchen als auch als historisches Artefakt aus einer Zeit der politischen und militärischen Krisen zu verstehen. Tief in der Geschichte des historisch verbrieften Zusammenbruchs der späten Bronzezeit verankert, stellt sich The Odyssey – wohl sehr im Sinne rechter Kulturkämpfer:innen – die angesichts unserer volatilen Weltlage durchaus zeitgemässe Frage, was es bedeutet, eine Hochkultur untergehen zu sehen. Die Antwort, die Nolan nach drei actiongeladenen, herausragend inszenierten Stunden liefert, dürfte jenen, welche das letzte halbe Jahr damit verbracht haben, Hasstiraden über Elliot Page und Lupita Nyong’o in den Äther zu schreiben, aber eher nicht gefallen: In Gefahr gebracht werden Zivilisationen nicht von Immigrant:innen und anderen Minderheiten, sondern von denen die sich selber zu den rechtmässigen Herrscher:innen der Welt erklären.