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Tristan Forever
© Hugofilm Features

Reif für die Insel: Tristan Forever

Wo hört die Dokumentation auf und wo fängt die Fiktion an? Tobias Nölle und Loran Bonnardots Postkarte vom Ende der Welt spielt in anregenden Grauzonen.

Text: Alan Mattli / 16. Sept. 2026
  • Regie, Buch

    Loran Bonnardot, Tobias Nölle

  • Kamera

    Tobias Nölle

  • Schnitt

    Tobias Nölle, Aurora Franco Vögeli

  • Musik

    Michael Sauter

  • Mit

    Loran Bonnardot, Glenda Rogers

  • Start

    17. September 2026

Mitten im Atlantischen Ozean liegt es, das isolierteste bewohnte Landstück der Welt: die Vulkaninsel Tristan da Cunha. Wer hier hinreisen will, braucht Ausdauer – und einen starken Magen: Sechs bis zehn Tage dauert die Frachtschiffüberfahrt von Kapstadt aus; der nächstgelegene kommerzielle Flughafen befindet sich auf der ebenfalls britisch regierten Atlantikinsel St. Helena, 2'500 Kilometer nördlich.

Einer, der diese Reise schon mehrfach angetreten hat, ist der französische Arzt Loran Bonnardot. Mit den rund 200 Einheimischen verbindet ihn schon seit Jahrzehnten eine tiefe Freundschaft, Tristan ist so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Und nun, da ihn so gut wie nichts mehr in seiner ersten Heimat hält, plant Bonnardot, selber zum Insulaner zu werden: Gelingt es ihm, sich in die Dorfgemeinschaft von Edinburgh of the Seven Seas zu integrieren, sich beruflich nützlich zu machen und die Herausforderungen der Subsistenzwirtschaft zu meistern, erhält er das Recht, sich in Tristan ansiedeln zu dürfen.

Tristan Forever 2

© Hugofilm Features

Diesen Prozess hält der Schweizer Filmemacher Tobias Nölle (Aloys, Das letzte Königreich) in seiner Dokumentation Tristan Forever fest – wobei hier bewusst mit den Erwartungen gespielt wird, die man als Zuschauer:in konventionellerweise an so ein Projekt heranträgt. Auf den ersten Blick positioniert sich der Film als Non-Fiction-Werk: Die im Beobachtungsmodus gedrehten Szenen, in denen Bonnardot alte Freund:innen besucht, betagten Tristaner:innen ärztliche Ratschläge gibt und sich langsam wieder an die gemächlichen Rhythmen des Inselalltags gewöhnt, gehören zum ästhetischen und erzählerischen Standardrepertoire eines fly-on-the-wall-Porträts. Und auch die didaktischen Exkursionen in die jüngere Geschichte der Insel, insbesondere die vollständige mehrjährige Evakuierung nach dem Ausbruch des Queen Mary’s Peak 1961, lassen kaum Zweifel über die dokumentarische Natur des Gezeigten aufkommen.

Aber dann ist da auch dieser Pinguin, der den Protagonisten auf Schritt und Tritt zu verfolgen scheint. Bonnardots Interaktionen mit der Supermarktangestellten Glenda, die irgendwie wie ein meet cute nach Hollywood-Vorbild wirken – und später tatsächlich zu einem kleinen romantischen Drama eskalieren. Der symbolträchtige Bau des künftigen Eigenheims, die ominöse Kerze auf dem Fenstersims. Die abschliessende Feststellung – gesprochen über das Bild der langsam im Nebel verschwindenden Insel –, dass Tristan «nicht wie ein echter Ort wirkt».

Tristan Forever 1

© Hugofilm Features

Dieses freie, niemals konkret thematisierte Oszillieren zwischen Dokumentation und Fiktion – oder mindestens Fiktionalisierung – ist es denn auch, was Tristan Forever über seine bescheidenen, bisweilen sogar etwas klischierten ethnografischen Ambitionen hinauswachsen lässt. Immer wieder stellt sich nämlich das Gefühl ein, Nölle und Bonnardot, der als Co-Regisseur zeichnet, würden bei ihrer dokumentarischen Dramaturgie nicht allzu weit über den intrinsischen Reiz ihres «exotischen» Schauplatzes hinausdenken: Wer andere Filme über «weit entfernte» Orte gesehen hat – von Robert J. Flahertys Man of Aran (1934) bis Veronika Liškovás The Visitors (2022) –, wird hier weder visuell noch handlungstechnisch viel Neues entdecken. Umso suggestiver ist da die alles durchsetzende Unsicherheit über den Vertrag, den man mit den Filmemachern eingegangen ist.

 

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