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Unerträgliche Exzesse

Als ein Affekt, der nicht nur unseren Geist, sondern auch unseren Körper anspricht, stellt der Ekel die Emotionsmaschine Kino vor besondere Herausforderungen. Mitverhandelt in den Ekel­bildern des Horror‑, aber auch des Expe­rimentalfilmschaffens werden stets Grenzverletzungen, die auf die Materialität unseres Körpers verweisen; und auf die verletzliche Haut des Films.

Text: Johannes Binotto / 13. Juni 2019

Ich stelle mir folgende Situation vor: Ich sitze am Tisch, einen leeren Becher vor mir, in den ich spucken soll. Und dann, nachdem sich mein Speichel am Boden des Bechers gesammelt hat, werde ich aufgefordert, diesen Becher auszutrinken. Nur schon beim Gedanken daran stellt sich Übelkeit ein, und ich weiss nicht, ob ich in der tatsächlichen Situation fähig wäre, diesen Versuch zu Ende zu führen, ohne mich zu übergeben.

Dass dieses Experiment bereits als blosse Vorstellung Ekel hervorruft, dürfte wohl niemanden überraschen und ist doch, wenn man es genau bedenkt, rätselhaft: Der Speichel im Becher war doch nur Sekunden zuvor noch in meinem Mund, ohne dass er mich dort in irgendeiner Weise gestört hätte. Wie aber kann etwas, das ich eben noch ganz selbstverständlich als Teil von mir empfunden habe, plötzlich zu einem unerträglichen Fremdkörper werden, den es möglichst weit wegzustossen gilt? Die Spucke selbst, die nicht mehr in mir, sondern vor mir ist, hat sich bei diesem Vorgang nicht verändert. Was sich hingegen drastisch gewandelt hat, ist mein konkretes körperliches Verhältnis zu ihr. Wie bei anderen Ausscheidungen gilt auch hier: Was einmal aus meinem Körper gekommen ist, darf nicht mehr in diesen zurück.

Exemplarisch zeigt das Beispiel mit dem Becher und der Spucke, dass es beim Ekel um Fragen von Nähe und Distanz geht und darum, dass das Ekelerregende oft etwas ist, das aus dem eigenen Körper stammt. Die Ausscheidungen sind Ekelobjekt par excellence, weil sie der materielle, sicht-, fühl- und riechbare Beleg dafür sind, dass im Körperinnern Vorgänge ablaufen, über die wir zwar aus dem Biologie-unterricht theoretisch Bescheid wissen, die uns aber trotzdem eigentlich unvorstellbar sind. So wie Freud über die Psyche sagt, das Ich sei niemals ganz Herr im eigenen Haus, so tut auch der Körper Dinge, die ich nicht bewusst kontrollieren kann. Die Ausscheidungen zeigen, wie wenig der eigene Körper uns geheuer ist. Vor allem aber führen sie vor, wie fragil die Unterscheidung zwischen Innen- und Aussenwelt tatsächlich ist. Statt einer kompakten, abgeschlossenen Einheit ähnelt der Körper eher einem Schwamm, durch dessen Öffnungen, wie Mund, Nase, Augen, Ohren, Poren, nicht nur andauernd Eindrücke eindringen, sondern auch unentwegt Inneres ausfliesst. Der Ekel ist ein Experiment an und mit den brüchigen Grenzen des Körpers. Das gilt indes nicht nur für die Grenzen unseres Leibes, sondern auch für die Körpergrenzen jener Medien, die an der Erzeugung des Ekels beteiligt sind. Auch der Film geht im Phänomen des Ekels an seine Grenze und darüber hinaus. [...]

Den ganzen Essay können Sie in der Printausgabe von Filmbulletin lesen: Ausgabe 4/2019 bestellen

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Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 4/2019 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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