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Max Frisch, Citoyen

«Citoyen» – von Max Frisch, dem Staatsbürger, wird erzählt. Vom aktiv mitdenkenden und teilnehmenden, sich exponierenden und einmischenden Zeitgenossen.

Text: Lara Sascha Bleuler / 09. Apr. 2008

«Citoyen» – von Max Frisch, dem Staatsbürger, wird erzählt. Vom aktiv mitdenkenden und teilnehmenden, sich exponierenden und einmischenden Zeitgenossen. Mit fast radikaler Konsequenz hält von Gunten sich an sein Thema: Frischs Suche nach dem eigenen Urteil, in einem Jahrhundert, das es einem kaum schwerer hätte machen können, zu irgendwelchen Gewissheiten zu gelangen. Wobei für Frisch das Politische vom Persönlichen nie wirklich zu trennen war. «Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten», sagt er zwar, «und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.»

Die Sprache von Frisch ist von solch schonungsloser Präzision, dass sie weit über die Schweizer Grenzen hinaus Wirkung erzielt. Der Grossteil des Filmes besteht aus Zitaten – es sind Frischs eigene Worte, in denen die Biografie seines Jahrhunderts geschildert wird, mit gelassener Bestimmtheit gelesen vom Bündner Autor Reto Hänny.

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Daneben kommen Politiker wie Helmut Schmidt und der ehemalige US-Aussenminister Henry Kissinger zu Wort, aber auch viele von Frischs Freunden und Schriftstellerkollegen. Günter Grass erinnert sich an vergnügliche Streitgespräche mit Frisch, erzählt, wie dessen gesellschaftliches Engagement für ihn selbst zum Vorbild wurde. Peter Bichsel beschreibt, wie er seinen Freund niemals schreiben sah – aber oft schreiben hörte. Frischs langsamer, aber bestimmter Zweifinger-Tastenschlag ist Bichsel unvergesslich geblieben.

«Oft während ich hier sitze, immer öfter wundert es mich, warum wir nicht einfach aufbrechen – Wohin?» schreibt Frisch in seinem Tagebuch von 1946 bis 1949. Regelmässig treibt es ihn aus der beklemmenden Enge der Schweiz hinaus in die Ferne. In Amerika und Deutschland – Ländern, die er wegen ihrer hochmütigen Politik auch schonungslos kritisiert – gelingt ihm durch die grössere Weite auch ein künstlerisches Aufatmen. Die Sehnsucht nach einer Heimat, die er wohl erst noch wirklich erfinden müsste, führt ihn aber immer wieder zurück in die Schweiz.

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Die biographischen Stationen streift von Guntens Film nur am Rande, im Fokus bleibt stets das Weltgeschehen und seine Bedeutung für die Schweiz. Frisch stellt unbequeme Fragen, die keiner hören – geschweige denn beantworten – will. Er ergründet das Unbehagen der Verschonten, das Schweigen als vermeintlich neutrale Strategie des Vaterlandes. Später dann die Fremdenfeindlichkeit angesichts der italienischen Gastarbeiter; der Kalte Krieg und die Angst vor den Russen; überhaupt die verlogene Bescheidenheit, «die Mentalität nämlich, nie etwas Radikales auch nur zu wollen, geschweige denn es zu tun», wie er 1953 schreibt.

Frischs Texte sowie die Aussagen seiner Freunde und Kritiker verwebt von Gunten mit Archivbildern von Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie treten in einen Dialog mit Aufnahmen von Orten und Menschen der heutigen Schweiz. Die Idylle ist trügerisch, die Menschen scheinen sich in einem geistigen Dämmerschlaf zu befinden – sind die heutigen Citoyens verstummt, oder werden sie bloss nicht mehr gehört?

Von Guntens Film ist eine dichte, sinnliche Collage, ein berührendes Seh- und Hörerlebnis. Schlichte Musik, intelligente Textpassagen, sorgfältig ausgesuchtes Archivmaterial und Aufnahmen aus alltäglicher Gegenwart fliessen ineinander über und entwickeln dabei einen mitunter fast hypnotischen Sog. Ein versöhnliches Ende kann der Film nicht bieten. Wenige Monate vor seinem Tod erfährt Frisch, dass der Staat, um den er und mit dem er so unermüdlich gerungen hatte, ihn jahrzehntelang verfassungswidrig bespitzelt hat. Nach Einsicht in seine Fiche stellt Frisch fest: «Was mich mit diesem Staat heute noch verbindet: ein Reisepass (den ich nicht mehr brauchen werde).»

Dieser Artikel ist in der Printausgabe Nr. 3/2008 erschienen. Stöbern Sie in unserem Ausgabenarchiv.

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