In 28 Days Later (2002) liessen Regisseur Danny Boyle und Drehbuchautor Alex Garland wild gewordene Zombies auf Grossbritannien los und schufen so ein neues dystopisches Standardwerk, eine digital verpixelte Horrorvision wie gemacht für die Welt nach 9/11. Fünf Jahre später legte Juan Carlos Fresnadillo mit 28 Weeks Later eine heute überwiegend in Vergessenheit geratene, aber dennoch erfrischend fiese Wegwerf-Fortsetzung nach, in der das besiegt geglaubte Monstervirus die Britischen Inseln vollends übermannt – US-Militärintervention sei Dank. In der Folge ruhte der Stoff – bis das Zeitalter der Franchises und spät nachgereichten Legacy-Sequels angebrochen war und die Pläne für einen dritten Teil, die Boyle und Garland jahrelang mit sich herumgetragen hatten, plötzlich wieder Konjunktur hatten.
Doch der im vergangenen Jahr erschienene 28 Years Later war mehr als blosse intellectual-property-Bewirtschaftung. Während Kameramann Anthony Dod Mantle seine stilbildende Endzeitästhetik aus 28 Days Later durch übersättigte Farben und fiebrige iPhone-, Drohnen und Nachtsichtbilder ersetzte, stellten Boyle und Garland einige der grundlegenden Annahmen der Reihe auf den Kopf: Gehören die Infizierten trotz ihrer mörderischen Rage nicht auch irgendwie zum postapokalyptischen britischen Sozialgefüge dazu? Wie ist die traditionalistische Dorfgemeinschaft auf der geschichtsträchtigen «heiligen Insel» Lindisfarne zu werten? Und was hat es mit Ralph Fiennes’ Freiluft-Beinhaus und dem bis an die Zähne bewaffneten Halbstarken-Kult in Jogginganzügen und blonden Perücken auf sich?
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Unmöglich, allen diese Fragen in einem einzigen Film ausführlich auf den Grund zu gehen. Darum also 28 Years Later: The Bone Temple, der Mittelteil einer geplanten Trilogie, basierend auf einem Drehbuch von Garland und mit NiaDaCosta (Candyman, Hedda) auf dem Regiestuhl. (Boyle soll das Zepter beim dritten Teil wieder übernehmen.) Erzählerisch wird ziemlich nahtlos weitergemacht: Der zwölfjährige Lindisfarne-Zögling Spike (Alfie Williams) ist allein auf dem Festland unterwegs, wo er in die Fänge von Sir Lord Jimmy Crystal (Jack O’Connell) und seiner Bande von Jimmys gerät, derweil der jodverschmierte Einsiedler und Ex-NHS-Arzt Kelson (Fiennes) versucht, den hünenhaften Alpha-Zombie Samson (Chi Lewis-Parry) zu studieren.
Diese anfangs noch separat behandelte Konstellation eskaliert bald zu einem blutigen, absurd witzigen, aber – ganz im Sinne des «Memento amoris»-Mottos des Vorgängers – eben auch bemerkenswert emotionalen Horrordrama über menschliche und unmenschliche Monster und die Art und Weise, wie mit ihnen umzugehen ist. Der Antagonist ist Programm: Die Teletubbies-liebenden Jimmys orientieren sich optisch an Jimmy Savile – der Kinderfernsehlegende, deren Pädophilie von der britischen Medien- und Politlandschaft jahrzehntelang totgeschwiegen wurde – und haben seine catchphrases («How’s that?») und Benefiz-Rhetorik unter nur halbwegs begriffenem christlichem Einfluss zu einem satanistischen Cargo-Kult vermengt. Die Jimmys, wie auch die Infizierten, sind letztlich allzumenschliche Opfer einer fatalen Realitätsverzerrung.
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Kommuniziert werden diese Ideen über die Krux mit dem Glauben an das Gute im Menschen nicht mehr primär durch Spike, sondern durch das wunderbar bizarre Figurendreieck Kelson, Jimmy Crystal und Samson. Das wirkt vereinzelt vielleicht ein wenig didaktisch, funktioniert aber selbst in seinen ambitioniertesten Momenten dank des grossartigen Zusammenspiels der drei Darsteller: der zärtlich ironische Fiennes als radikal empathischer Botschafter der alten Welt, der bedrohlich manische Jack O’Connell, der es hervorragend versteht, die Risse in Jimmys Selbstdarstellung sichtbar zu machen, und der aufwendig geschminkte, mit expressiver Körpersprache glänzende Chi Lewis-Parry, der hier nach seinen Enthauptungseskapaden in 28 Years Later zum unerwarteten Sympathieträger aufsteigt.
Visuell verfolgen DaCosta und Kameramann Sean Bobbitt indes merklich bescheidenere Ziele als noch Boyle und Dod Mantle, legen aber dennoch ein gutes Gespür für das verschrobene Spektakel, das Garlands Welt auszeichnet, an den Tag: von den Szenenfragmenten aus Samsons Perspektive über das oftmals herrlich unappetitliche Zelebrieren zerfallender Körper und Bewusstseine – bone temple leitet sich nicht umsonst von einem altenglischen Begriff für «Körper» ab – bis hin zum dramatischen Höhepunkt mit seiner postapokalyptischen Iron-Maiden-Karaoke-Einlage (sic). Langsam, aber sicher, drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass die Zombifizierung Grossbritanniens etwas vom Besten ist, das dem populären Genrekino des 21. Jahrhundert je passiert ist.