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Coutures
© Pathé Films AG

Coutures: Fashion-Victims

Angelina Jolie und Ella Rumpf brillieren in Alice Winocours erzählerisch unausgewogenem Fashion-Week-Drama.

Text: Alan Mattli / 05. Aug. 2026
  • Regie, Buch

    Alice Winocour

  • Kamera

    André Chemetoff

  • Schnitt

    Julien Lacheray

  • Mit

    Angelina Jolie, Anyier Anei, Ella Rumpf, Garance Marillier, Vincent Lindon

  • Start

    6. August 2026

Es ist Fashion Week in Paris: Alles, was Rang und Namen hat in der Welt der Haute Couture, kommt hier zusammen – und mit ihnen auch die Rang- und Namenlosen, die Schneider:innen, Hairstylist:innen und Make-up-Künstler:innen, die kreativen und administrativen Assistent:innen hinter und am Rande der Kulissen. Schon nach ein paar Minuten von Alice Winocours Paris-Fashion-Week-Film ist klar: Eine lange Fly-on-the-Wall-Dokumentation in diesem Setting wäre zutiefst faszinierend.

Doch Coutures ist ein Drama, und erlebt wird das Modegewusel durch die Augen von vier fiktiven Protagonistinnen, welche irgendwie die Balance zwischen ihren Fashion-Week-Verpflichtungen und den Anforderungen ihres Privatlebens halten müssen. Da wäre etwa Maxine Walker (Angelina Jolie), eine amerikanische Arthouse-Regisseurin, die den Eröffnungs-Kurzfilm drehen soll, gleichzeitig aber schon ihr nächstes Langfilmprojekt plant und einen Knoten in ihrer Brust ärztlich abklären sollte. Die Hauptrolle in besagtem Kurzfilm soll die südsudanesische Model-Hoffnung Ada (Anyier Anei) übernehmen, die aber ihrerseits nicht sicher ist, ob sie diesen Karrierepfad überhaupt einschlagen will. Und dann wären da noch die abgeklärte Make-up-Springerin Angèle (Ella Rumpf), die Schriftstellerin werden will, und die Schneiderin Christine (Garance Marillier), der die Ehre zuteilwird, Adas Catwalk-Outfit zu nähen.

Coutures 1

© Pathé Films AG

Obwohl die nominellen Hauptfiguren alle miteinander verbandelt sind – Angèle wird rasch zu Adas flüchtigem Schutzengel –, ist Coutures weniger ein Netzwerkfilm à la Magnolia (1999), bei dem schliesslich alle Erzählströme ineinanderfliessen, als ein Milieu-Tableau, ein Nashville (1975) im Kleinstformat: vier Frauen unterschiedlicher Herkunft, Berufsgattungen, Klassenidentitäten und Generationen, scheinbar auf sich allein gestellt in einer ruhe- und rastlosen Gegenwelt der schönen Oberflächen, in der Frauen die Hauptrolle spielen, das Patriarchat aber nach wie vor das Sagen hat.

Auf dem Papier ist das eine starke Ausgangslage, in der Praxis eine streckenweise etwas gar abstrakt gehaltene Kombination aus dramaturgischen Gemeinplätzen und ungleich verteilter erzählerischer Aufmerksamkeit. Die wie gewohnt wunderbar aufspielende Garance Marillier hat kaum mehr als zweieinhalb Szenen Zeit, um sich zu profilieren, während die an sich einnehmende Anyier Anei auf einer allzu simplen Figurenskizze sitzen bleibt: Ada staunt über die Grösse von Paris, den Luxus der Fashion Week und das brüske Verhalten ihrer Kolleginnen und vergiesst beim nächtlichen Telefonat mit Mutter und Bruder – ihr Vater schämt sich, ein «schamloses» Model zur Tochter zu haben – einsame Tränen. Hier reicht die Fantasie von Winocours Drehbuch nicht weit über die im französischen Kino verbreiteten Klischees von Immigrant:innen hinaus.

Coutures 2

© Pathé Films AG

Zwar strotzen auch die Handlungsstränge über Maxine und Angèle nicht vor Originalität, doch diese sind es letztlich, die dem Potenzial des Films einigermassen gerecht werden. Zum einen ist das der herausragenden Performance der Schweizerin Ella Rumpf (Chrieg, Des preuves d’amour) zu verdanken, die aus einem äusserst sparsam ausgestatteten Nebenplot erstaunlich viel emotionale Schattierungen herausholt. Zum anderen profitiert die ebenfalls brillant aufspielende Co-Produzentin Angelina Jolie davon, dass Maxines Leidensweg in einer Ausführlichkeit dargelegt wird, von der Christine, Ada und Angèle nur träumen können. Die Geschichte des Arbeitstiers, das von einem einschneidenden Ereignis an die wesentlichen Dinge im Leben erinnert wird, mag weder neu noch sonderlich raffiniert sein, aber Winocour gibt dem unverhohlenen Melodrama den Raum, den es braucht, um in seiner ganzen Künstlichkeit mitten ins Herz zu treffen.

 

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