Zwei Menschen auf einem Motorrad: Es gibt nur wenige Bilder, die emblematischer für das moderne iranische Kino stehen als dieser visuelle Refrain aus Abbas Kiarostamis Meta-Meisterwerk Close-Up (1990). Das weiss auch Ali Asgari: Sein neuer Film beginnt mit den Hauptdarsteller:innen Bahram Ark und Sadaf Asgari (Alis Nichte), die auf einer pinken Vespa durch die geschäftigen Strassen von Teheran flitzen.
Es ist ein angemessen selbstreflexiver Ausgangspunkt für einen Film, der, wie schon Close-Up, im Grunde davon handelt, was es bedeutet, ein:e Filmemacher:in in der Islamischen Republik Iran zu sein. Bahram Ark spielt den 40-jährigen Bahram, einen Regisseur, der auf internationalen Festivals beträchtliche Erfolge feiert, in seinem Heimatland aber noch keines seiner Werke ins Kino bringen konnte. Der staatlichen Zensur missfallen nämlich nicht nur seine «unpatriotischen» Themen und Geschichten, sondern auch die Tatsache, dass er seine Filme statt auf Farsi in der Minderheitensprache Aserbaidschan-Türkisch dreht.
© trigon-film
Zusammen mit Produzentin Sadaf (Sadaf Asagri), die mit ihren blau gefärbten Haaren und ihrem Hijab-losen Auftreten die Zensur auch nicht eben milde stimmt, begibt sich Bahram auf eine kleine Vespa-Odyssee, um seinen neusten Film allen Einschränkungen zum Trotz doch noch öffentlich vorführen zu können. Helfen sollen dabei unter anderem ein opportunistischer Kinobetreiber (Shahoo Rostami), der Fernsehstar und Kokain-Aficionado Rouzbeh (wunderbar überkandidelt: Hossein Soleimani), eine reiche Philanthropin und Tierschützerin (Faezeh Rad) sowie Bahrams Zwillingsbruder, der beim Regime deutlich beliebtere Mainstream-Regisseur Bahman (Bahman Ark).
Wenn Close-Up eine augenzwinkernde, aber auch durchaus seriöse Auseinandersetzung mit den ethischen Grenzen von sozialrealistischem iranischem Kino war, dann beschäftigt sich die vergnügliche Tragikomödie Divine Comedy mit der Frage, was es denn genau bedeutet, als iranische:r Künstler:in erfolgreich zu sein. Denn Bahram ist kein Paria wie Taxi- und It Was Just an Accident-Auteur Jafar Panahi: Die Vertreter des theokratischen Kulturministeriums bauchpinseln ihn regelmässig als «einen der zehn besten Regisseure der Welt»; und in der wohl absurdesten, herausragendsten Szene des Films wird Bahram von einem Ministeriumslakaien und begeisterten Darren-Aronofsky-Fan (Mohammad Soori) aufgezeigt, wie einfach es wäre, mithilfe von Regierungsgeldern und KI-Spezialeffekten auf religiös-patriotischen Monumentalkitsch umzusatteln.
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Brotlos und am Rande der Legalität die eigene Vision realisieren, um damit europäische und nordamerikanische Kritiker:innen und Industrie-Insider:innen zu beeindrucken? Oder künstlerisch kompromittiertes Kino machen, das kaum über die iranischen Grenzen hinauswirken wird, dafür aber die einheimischen Säle füllt? Auch diese erzwungene Entscheidung ist ein Symptom der eingeschränkten Freiheit in Iran – aber auch eine ernüchternde, global relevante Erinnerung daran, wie einfach sich Kino in den Dienst staatlicher Propaganda stellen lässt.
Mit diesen hyperkontemporären Untertönen – und seinen langen, von allerlei Referenzen und Querverweisen durchsetzten Dialogszenen – bewegt sich Asgari letztlich fast weniger im Orbit von Kiarostami und Panahi als in jenem von Radu Jude (Do Not Expect Too Much from the End of the World, Kontinental ‘25). Der Vergleich mag nicht nur in Asgaris Sinn sein – dafür ist sein Drehbuch bisweilen noch etwas zu schematisch, seine Dramaturgie zu gleichförmig –, aber wie Judes beste Filme hat auch Divine Comedy ein ausgeprägtes Gespür für einen ganz alltäglichen Schrecken: die Erkenntnis, dass man sich an ein Unrechtssystem angepasst hat.