Die Chancen stehen gut, dass Sie bereits wissen, ob Ihnen Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic Michael gefallen wird oder nicht – weil Sie den Film schon kennen, selbst wenn Sie ihn noch nicht gesehen haben. Sie wissen, dass der Film auf dem Höhepunkt der Karriere des «King of Pop» beginnen und dann in seine Kindheit in der Schwarzen Arbeiter:innenschicht der Industriestadt Gary, Indiana, zurückblenden wird. Dass sein Aufstieg mit der Familienband The Jackson 5 und seine schwierige Beziehung zu seinem herrischen Vater (Colman Domingo) thematisiert werden wird. Dass er schliesslich seine eigene künstlerische Stimme finden und mit Soloalben wie «Off the Wall» (1979) und «Thriller» (1982) Musikgeschichte schreiben wird. Dass der professionelle Erfolg mit privaten Einschnitten einhergehen wird. Dass sich die grossen Hits in aufwendigen Konzertszenen kathartisch entladen werden. Dass die richtig heiklen Themen in Jacksons Vita – allen voran die beständigen Vorwürfe der Kindesmisshandlung, wie sie etwa in der Dokumentation Leaving Neverland (2019) dargelegt wurden – ausgeklammert bleiben werden.
Sie wissen das, weil Michael ein von Jacksons Weggefährten und Familienmitgliedern vorangetriebenes und abgesegnetes Biopic ist, in dem Jacksons Neffe Jaafar die Hauptrolle spielt und welchem Bohemian Rhapsody-Erfolgsarchitekt Graham King als Produzent vorsteht. Der Freddie-Mercury-Film spielte mit dieser rigiden Formel, dieser Mischung aus plakativer Faktenanhäufung und musikalischer Best-of-Ausschlachtung, 2018 fast eine Milliarde Dollar ein und gewann vier Oscars. Die Vorhersehbarkeit ist der Sinn der Übung.
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Darum würde es vermessen wirken, Michael im Detail zu sezieren, handelt es sich dabei doch de facto um denselben Film wie Bohemian Rhapsody. Beide reduzieren sowohl die emotionale als auch die kreative Komplexität ihrer Hauptfigur auf ein banales Minimum – Michael ist sanftmütig, kindlich, naiv und besessen von Hollywoodfilmen und Peter Pan –, beide kommunizieren ausschliesslich in klischeehaften Dialogen und Konflikten, beide enden mit ausgedehnten, dramaturgisch unsinnigen Konzertszenen. Die beiden haben sogar Mike Myers in der Rolle eines vulgären Plattenlabel-Bosses gemein, als würde hier das Biopic-Genre in Echtzeit zum Franchise gerinnen. Ob im zum Schluss angedeuteten Michael-Sequel wohl Queen auftreten wird?
Viel interessanter als die kalkulierte Promi-Hagiografie, die Jackson zum geradezu übermenschlichen Friedensbringer stilisiert, ist eh die Frage, welche psychologischen Bedürfnisse hier bedient werden. Denn Biopics wie Bohemian Rhapsody und Michael orientieren sich zwar erzählerisch an den ersten grossen Musiker:innen-Biografien dieses Jahrhunderts, weisen aber eine ganz eigene Sensibilität auf. So abstrus verknappt und einfach zu parodieren Werke wie Ray (2004) und Walk the Line (2005) auch gewesen sein mögen, sie waren um eine gewisse dramatische Legitimität bemüht; sie verstanden sich in erster Linie als Charakterdramen und nur sekundär als Musikfilme. Ganz anders ein Film wie Michael: Hier scheint die Handlung bewusst nur fadenscheiniges Mittel zum musikalischen Zweck zu sein; der Fokus liegt auf der Nachstellung ikonischer Showmomente.
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Daher auch die ellenlangen Quasi-Epiloge: Letztlich handelt es sich dabei um nichts anderes als musikhistorische Wunschvorstellungen – erzählerische Leerstellen, in die sich das Publikum hineindenken und so tun kann, als wäre es live beim Live-Aid-Set von Queen oder einem Konzert auf Jacksons «Bad»-Tournee dabei. Das ist die durchaus logische Konsequenz einer Unterhaltungsökonomie, die von rückwärtsgewandter Nostalgie dominiert wird.
Man würde sich fast wünschen, einer dieser Filme wäre endlich einmal ehrlich, würde sich von seinem narrativen Feigenblatt befreien und sich ganz seinem Es hingeben: kein Plot, keine vorgeheuchelten Emotionen, einfach nur ein nachgestelltes – oder ganz und gar fantasiertes – Konzert in Spielfilmlänge. Das wäre einmal Genre-Innovation.