2016 gelang Disneys Animationsabteilung mit Moana – in Europa bekannt als Vaiana – einer ihrer bislang letzten grossen Coups. Das polynesische Märchen um die titelgebende Chief-Tochter, die zusammen mit dem in Ungnade gefallenen Halbgott Maui die pazifischen Inseln vor der aufziehenden Dunkelheit bewahren muss, verband eine wunderschöne Bilderwelt mit einem witzigen Protagonist:innen-Duo, einer Darstellung indigener Kultur, welche weitgehend die richtigen Lehren aus dem diesbezüglich fragwürdigeren Pocahontas (1995) gezogen hatte, und einigen der besten Songs, die Lin-Manuel Miranda ausserhalb von seinem Bühnenmusical-Hit «Hamilton» (2015) je zu Papier gebracht hat.
Bei Disney ist man offenbar derselben Auffassung. Denn nun ist Moana auserwählt worden, um Geschichte zu schreiben, als animierter Disney-Film mit der bis dato kürzesten Wartezeit zwischen animiertem Original und Realspielfilm-Remake – eine produktionstechnische Ehre, die das Studio in der Regel nur zertifizierten Klassikern wie Cinderella (1950/2015), Aladdin (1992/2019) oder Pinocchio (1940/2022) zuteilwerden lässt.
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Hier stellt sich nun unweigerlich die Frage, welchen Weg man auf Produktionsseite eingeschlagen hat. Ist Moana mit Jahrgang 2026 ein «unnötiges» Remake in der Tradition von Gus Van Sants Psycho (1998), also eine mehr oder weniger direkte Nachstellung des heiss geliebten Quellenmaterials? Oder ist es eher eines wie Rob Zombies Halloween (2007), also eine Neuauflage, die sich erzählerisch zwar eng an die Vorlage hält, in entscheidenden Momenten aber die Erwartungen unterläuft und/oder Details hinzufügt, die das Altbekannte in neuem Licht erscheinen lassen?
Von den Disney-Remakes seit 2015 kennt man beide Herangehensweisen. Jon Favreaus The Lion King (2019), obschon streng genommen kein Live-Action-Film, orientiert sich an Van Sant, Tim Burtons Dumbo (2019) an Zombie. Lilo & Stitch (2025) macht den Psycho, Peter Pan & Wendy (2023) den Halloween. Eine grundlegende Neuordnung der künstlerischen Machtverhältnisse im Stile von John Carpenters The Thing (1982), der heute trotz Remake-Status als eigenständiges Kult-Meisterwerk gilt, ist Disney indes noch nie gelungen – wohl auch, weil die neu aufgebrühten intellectual properties die animierten Vorbilder in den meisten Fällen gar nicht übertreffen, geschweige denn vergessen machen, sollen.
Nach dieser Klassifizierung ist Moana ein Psycho bis ins Mark – und selbst im Kontext der anderen Van Sant’schen Disney-Remakes kein sonderlich interessanter. Inszeniert von Bühnenregisseur und Lin-Manuel-Miranda-Weggefährte Thomas Kail («In the Heights», «Hamilton»), marschiert der Film diszipliniert durch das vertraute Südsee-Abenteuer, das Moana (die blass bleibende Catherine Laga’aia) und Maui (Co-Produzent und Original-Synchronsprecher Dwayne Johnson) in Konflikt mit kriegerischen Kokosnüssen, einer goldsüchtigen Riesenkrabbe (Jemaine Clement) und einem gigantischen Lavamonster bringt. Die wenigen Variationen – eine leichte Erweiterung von Moanas Thronfolge-Sorgen, ein im dritten Akt etwas introspektiverer Maui – sind im grösseren narrativen Zusammenhang marginal bis bedeutungslos.
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So schön es auch ist, Ohrwürmer wie «We Know the Way», «You’re Welcome» oder «Shiny» wieder einmal mit Kino-Surround-Sound zu hören – Thomas Kails Moana ist ein weiteres Disney-Live-Action-Remake, das die fundamentale Frage nach dem Warum nicht befriedigend beantworten kann, womöglich sogar noch weniger als einige seiner Artgenossen. Hier wird auf überbelichteten Sets vor verwaschenen Greenscreen-Hintergründen minutiös ein Film nachgestellt, der läppische zehn Jahre alt ist, auf Disney+, DVD und Blu-ray zur freien Verfügung steht und speziell fürs animierte Format erschaffen wurde, ohne Rücksicht darauf, ob gewisse Gags, Actionmomente oder Figurendesigns auch in einem realistischen Rahmen funktionieren würden. Kein Kinobesuch ist je Zeitverschwendung – aber Disneys Moana-Remake kommt diesem Fazit um einiges näher als die meisten anderen Filme.