Filmbulletin Print Logo
Passenger
© 2026 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Der Teufel fährt mit: Passenger

Wenn das Wohnmobil zum Geisterhaus wird: André Øvredals Horrorfilm wartet mit soliden Momenten auf, leidet aber an einem unreflektierten Drehbuch.

Text: Alan Mattli / 21. Mai 2026
  • Regie

    André Øvredal

  • Buch

    Zachary Donohue, T. W. Burgess

  • Kamera

    Federico Verardi

  • Schnitt

    Martin Bernfeld

  • Musik

    Christopher Young

  • Mit

    Lou Llobell, Jacob Scipio, Melissa Leo, Joseph Lopez

  • Start

    21. Mai 2026

2023 legte der norwegische Horror-Regisseur André Øvredal, bekannt für die Found-Footage-Mockumentary Trollhunter (2010) und die Buchadaption Scary Stories to Tell in the Dark (2019), ein ambitioniertes Projekt vor. Basierend auf einem einzigen Kapitel aus Bram Stokers «Dracula» (1897), erzählte The Last Voyage of the Demeter vom furchterregenden Schicksal der Schiffsbesatzung, die Graf Draculas Sarg vom bulgarischen Varna nach England befördern soll. Was dabei herauskam, war durchaus respektabel: ein klaustrophobes maritimes Kammerspiel, das blutiger, gruseliger und 25 Minuten kürzer hätte sein können, mit seiner effektiven Gothic-Atmosphäre und «And Then There Were None»-Struktur aber für genug Nervenkitzel sorgte, um positiv in Erinnerung zu bleiben.

Gute Voraussetzungen für Øvredals Neusten, möchte man meinen – auch weil Passenger praktisch die gleiche Prämisse wie The Last Voyage of the Demeter hat. Das junge Paar Maddie (Lou Llobell) und Tyler (Jacob Scipio) erfüllt sich endlich seinen Traum von der grenzenlosen Freiheit der Landstrasse: Das Appartement in Brooklyn ist abgegeben, die Möbel sind abtransportiert, der zum Wohnmobil umfunktionierte Kleinlaster steht bereit – los geht das vanlife-Abenteuer. Doch eines Nachts, nach ein paar Wochen auf Achse, werden die beiden Zeug:innen eines bizarren Unfalls, nach dem nichts mehr so wie vorher ist: Mysteriöse Kratzspuren erscheinen auf dem Van, Maddie sieht plötzlich Dinge, die es nicht geben dürfte, auf der Dashcam ist der Umriss eines in Lumpen gekleideten Mannes zu sehen. Es scheint, als hätten die beiden Möchtegern-Nomad:innen ein gefürchtetes Highway-Gespenst aufgegabelt.

Passenger 1

© 2026 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Dass Øvredal noch immer für solide Horrormomente gut ist, steht ausser Frage. Gerade in der ersten Hälfte des Films, in der sich Maddie langsam an die übernatürliche Natur der Situation herantastet, schleudert er dem Publikum einige potent inszenierte Jump-Scares entgegen, derweil Kameramann Federico Verardi die Kamera nach dem Vorbild von Tak Fujimoto (Signs) und Mike Gioulakis (It Follows) in spannungsgeladener Langsamkeit kreisen lässt.

Doch je länger der titelgebende «Passenger» die beiden Hauptfiguren terrorisiert, desto weniger kann Øvredals bodenständiges Genre-Handwerk gegen das unfokussierte und von Redundanzen durchsetzte Drehbuch ausrichten. Immer und immer wieder wird man vom Autorenduo Zachary Donohue und T. W. Burgess daran erinnert, warum Maddie und Tyler einen unterschiedlichen Zugang zu ihrem neuen Lebensentwurf haben («We’re running away from different things»), welche Regeln der dämonische Passagier befolgt, warum der in Zäune und Strassenschilder geritzte «Hobo Code» aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise relevant ist. Der emotionale Zustand der Protagonist:innen steht in einem mehr oder weniger willkürlichen Verhältnis zur Abfolge ihrer traumatischen Erlebnisse; uninspirierten Details wie Maddies Bob-Ross-Obsession wird viel mehr Erzählraum zugedacht als einer Passenger-kundigen Nomadin (Melissa Leo) oder dem Umstand, dass der finstere Mitfahrer neben Unfällen auch für das Verschwinden von Aberhunderten von vanlife-Anhänger:innen verantwortlich zu sein scheint.

Passenger 2

© 2026 Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Überhaupt tappen Donohue und Burgess mit ihrer Horrorgestalt in alle möglichen Fallen, lange bevor Øvredals Inszenierung der alten Stephen-King-Weisheit zum Opfer fällt, dass das sichtbar im Raum stehende Monster sehr viel weniger einschüchternd wirkt als jenes, das im Dunkeln lauert. Nicht nur sind die Kräfte des Passagiers frustrierend selektiv und situationsabhängig – mal ist es Telekinese, mal Verkehrshypnose, mal Videomanipulation –, die ihm angedichtete Herkunftsgeschichte könnte generischer nicht sein, obschon die regelmässigen Verweise auf die US-Hobo-Kultur dem Film eine weitaus anregendere, historisch verankerte Alternative anbieten würden.

Allerdings passt das zu einem Werk, das sich auch der soziopolitischen Implikationen seiner Erzählung nur bedingt bewusst zu sein scheint. Dass der Passagier aus der Hölle mit seinem derangierten Auftreten offenbar darauf abzielt, die bürgerliche Paranoia vor obdachlosen Menschen zu aktivieren, liesse sich allenfalls als missglücktes Spiel mit populären Ängsten interpretieren. Dass diese Darstellung aber in einer Geschichte vorkommt, in der das Heil im Christentum, in der heterosexuellen Heirat und – wie die Figuren schliesslich folgern – in der Flucht in die Gated Community liegt, verleiht Passenger dann doch eine politische Fratze, die hässlicher ist als jeder Dämon.

 

Weitere Empfehlungen

Letterboxd Video Store

17. Dez. 2025

Fahrt ins Grüne: It Ends

Ein Low-Budget-Gruselfilm zwischen Dürrenmatt und Internet-Memes: Alexander Ullom beweist in seinem Regiedebüt sein Potenzial.