Filmbulletin Print Logo
Les Vies d Andres 2
© Visions du Réel/DOK MOBILE/Hélicotronc

Rémi Pons und Baptiste Janon: «Ohne Transport gibt es keine Zivilisation»

Die Regisseure von Les Vies d’Andrès haben sich von B. Travens Roman «Die Caretta» inspirieren lassen. Uns erzählen sie von den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen der literarischen Fiktion und der Realität der Lkw-Fahrer in ihrem Film. 

Text: Laura Carluccio / 15. Juli 2025

Die gewünschte Ware steht stets zur Verfügung. Die Arbeit, die dahintersteckt, ist geprägt von ständigem Druck, langen Nächten und Einsamkeit. Baptiste Janon und Rémi Pons begleiten in ihrem Dokumentarfilm Les Vies d’Andrès vier Lkw-Fahrer bei ihrer Arbeit. Eine Arbeit, die sich auf den Strassen abspielt. Die langen, stillen Strecken werden nur unterbrochen von Diskussionen mit der Firma, die immer perfekte Leistungen erwarten. Wer sich nicht an die Zeiten hält, dem oder der droht eine Ersetzung durch Fahrer:innen, welche dieselbe Arbeit für noch weniger Gehalt abwickeln. Anlässlich der internationalen Premiere am Dokumentarfilmfestival Vision du Réel sprachen die Regisseure Baptiste Janon und Rémi Pons über ihre Zusammenarbeit und die Rolle des Transports in unserer Gesellschaft.

Remi Pons Baptiste Janon

Rémi Pons und Baptiste Janon / © Nikita Thevoz

Baptiste Janon, Sie haben bereits bei Dernière pêche (2017) und Quand est-ce que je les ai vus s’embrasser (2013) Regie geführt. Bei diesen Filmen haben Sie allein Regie geführt. Wie gestaltete sich die Co-Regie mit Rémi Pons bei diesem Projekt?

Baptiste Janon Wir arbeiteten bereits bei Dernière pêche zusammen. Rémi Pons war dort der Co-Autor. Wir kennen uns schon lange. Manchmal assistiere ich bei seiner Arbeit, manchmal assistiert er bei meiner Arbeit. Ich denke, Rémi ist vom Typ her eher ein Autor. Er fragt sich, wie ein Film erzählt ist. Und ich bin eher ein Regisseur. Ich stelle mir vor, wie ich alles ins Bild übersetze. Les Vies d’Andrès ist der erste Film, bei dem wir zusammen Regie führen. Es ist eine wahre Freude.

Der Film ist inspiriert von B. Travens Buch «Die Caretta». Eine Buchverfilmung ist es aber nicht. Warum haben Sie sich für den Dokumentarfilm entschieden?

Rémi Pons Wir folgen der Figur Andrès, der am Anfang des Buchs Fahrer wird. Zwar kein Lkw-Fahrer, aber ein Fahrer. Er ist aber auch Teil einer grossen Partei, einer religiösen Partei. Es ist ein toller Teil in Travens grossartigem Roman, aber dieser Aspekt, der den Film zu einem Spielfilm hätte werden lassen, hat uns nicht wirklich interessiert. Traven war aber auch ein dokumentarischer Erzähler. Das war der Punkt, der uns interessiert hat. Wir wollten seine Arbeit weiterführen und damit eine Verbindung herstellen zwischen dem, was er gemacht hat und dem, was wir heute tun.

Les Vies d Andres

© Visions du Réel/DOK MOBILE/Hélicotronc

Zwischen dem Buch und dem Dokumentarfilm gibt es einige Gemeinsamkeiten. Gab es einen bestimmten Aspekt, der Sie überrascht hat, während Sie am Film gearbeitet haben?

RP Bevor wir die Lkw-Fahrer getroffen haben, haben wir das Buch gelesen und analysiert. Das Buch spricht über das, was wir jeden Tag sehen. Wir wussten, dass Travens Worte über uns sprachen. Als wir mit den Lkw-Fahrern zu arbeiten begannen, sagten sie uns, das sei ein Buch über ihre Arbeit. Sie haben es sofort gespürt. Die erste Ähnlichkeit war die Beziehung zwischen den Fahrern und ihren Vorgesetzten. Die zweite war der Teil des Buchs, den wir behalten haben, wo Traven schreibt, dass die Fahrer die Zivilisation tragen. Natürlich gibt es auch Unterschiede. Heute ist der Transport eine industrielle Maschinerie. Das war zur Zeit von Traven nicht so.

Es ist heute auch viel komplexer, vor allem mit der Digitalisierung.

BJ Und mit der Kontrolle. Es gibt mehr Kontrolle. Das Smartphone ist ein Mittel dieser Kontrolle. Ich zitiere einen Fahrer aus dem Film: «Sie sagten, es wäre für die Organisation unserer Arbeit, aber in Wahrheit dient es dazu, uns zu kontrollieren.»

RP Dazu kommt die Einsamkeit. Heutzutage sind die Fahrer:innen komplett allein, und sie beschweren sich darüber. Mit der Organisation des Transports verschwand die Solidarität.

Les Vies d Andres 1

Es geht auch um Leistungsdruck. Einer der Fahrer sagt, die Fahrer:innen aus Frankreich würden durch diejenigen aus Litauen ersetzt werden, wenn ihre Leistung nicht stimmt. Warum spezifisch aus Litauen?

RP Er sagt Litauen, aber eigentlich meint er die Fahrer:innen aus Osteuropa. Sie fahren für das Gehalt, das in ihren Ländern üblich ist. Auch in Ländern, wo sie mehr verdienen müssten. Es gibt zwar Regeln, aber die Firmen können mit den Regeln spielen. Es gibt viel Konkurrenz, manchmal innerhalb derselben Firma. Sagen wir, eine Firma hat einen Standort hier in der Schweiz. Sie haben ebenfalls ein Büro in Polen oder Litauen, mit einem anderen Namen. Diese Firma in Polen schliesst einen Vertrag mit den Lkw-Fahrern:innen hier. Sie machen die gleiche Arbeit, aber für weniger Geld.

Können Sie schon etwas über Ihr nächstes Projekt erzählen?

BJ Wir wollen unser Thema erweitern. Ohne Transport gibt es keine Zivilisation. Was ist Transport heute? Was sagt der Transport über unsere Art, zu leben? Und was bedeutet es für den Globus, wenn wir so weitermachen? Es ist ein grösserer Fragenkomplex, den wir aufarbeiten wollen.

Weitere Empfehlungen

Kino

11. Juni 2025

Am Existenzminimum: On Falling

Das Regiedebüt von Laura Carreira ist ein zurückhaltendes und dadurch umso kraftvolleres Stück Sozialrealismus.

Interview

30. Juni 2025

Laura Coppens: «Es ist schliesslich nicht nur meine Familiengeschichte»

Laura Coppens bricht mit Sedimente, dem Gewinner des Special Jury Award im Nationalen Wettbewerb am Visions du Réel 2025, das Schweigen über die Stasi-Vergangenheit ihres Grossvaters. Im Interview spricht sie über Verantwortung, kollektive Erinnerung und ihren Umgang damit in Bezug auf die eigene Familiengeschichte.