1982. Ein sommerliches Strassenfest an der Oak Street in Flowervale, einem malerischen US-Vorstadtidyll am Rande von Detroit. Sackhüpfen, Wasserballonfangen, Hamburger und Hotdogs auf dem Grill. John-Hughes- und Stranger Things-Romantik. Doch wer bei all der suburbanen Harmonie genau hinhört, erkennt bald den einen oder anderen Misston.
Familienvater Greg Platt (Ewan McGregor) etwa zankt sich hinter vorgehaltener Hand und aufgesetztem Lächeln mit seiner Ehefrau Denise (Anne Hathaway): Sie ist frustriert, dass sie immer die erzieherische Drecksarbeit leisten muss; er kann nicht wie versprochen bis zum Ende der Festivitäten bleiben, weil der Nebenjob als Pizzalieferant ruft. Sohnemann Brian (Christian Convery) fragt sich, wie lange es wohl noch dauert, bis sich seine Eltern scheiden lassen, während seine Schwester Audrey (Maisy Stella) die Tage zählt, bis sie endlich nach Cornell studieren gehen kann. Im Keller des beschaulichen Eigenheims ruht Denises Romanmanuskript, dessen Protagonistin mit gepacktem Koffer auf die Gelegenheit wartet, woanders ein neues Leben anzufangen.
© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.
Acht Jahre sind seit seinem bislang letzten Film, dem kommerziell gefloppten Kultstreifen in spe Under the Silver Lake (2018), vergangen; doch in The End of Oak Street verliert Regisseur und Autor David Robert Mitchell keine Zeit, um wieder bei den thematischen Faszinationen anzulangen, die ihn in The Myth of the American Sleepover (2010) und dem Horror-Meisterwerk It Follows (2014) umtrieben: die US-Suburbia als Projektionsfläche für den amerikanischen Traum, als städteplanerische Abschottung vor allem Fremdem, als Ort der bröckelnden Fassaden und verrottenden Familiengefüge, als Nährboden für Verbitterung, Entfremdung, gesellschaftliche Atomisierung, Traumata und existenziellen, bisweilen auch paranormalen Schrecken.
Und wie schon in The Myth of the American Sleepover und It Follows ist es auch in The End of Oak Street nicht irgendeine Suburbia, unter deren Oberfläche der gebürtige Detroit-Vorstädter Mitchell späht: Greg liefert Pizzas aus, weil der Niedergang der hiesigen Autoindustrie auch vor seiner Fabrikstelle nicht Halt gemacht hat. Denise und Audreys Wunsch nach der Flucht aus dem kleinkarierten Konformismus von Flowervale erinnert an die Protagonistinnen eines anderen essenziellen Detroit-Gesamtkunstwerks, nämlich Jeffrey Eugenides’ Roman «The Virgin Suicides» (1993) und Sofia Coppolas gleichnamige Verfilmung von 1999.
Doch The End of Oak Street geht einen anderen Genre-Weg als It Follows oder The Virgin Suicides: An die Stelle von Horror und Coming-of-Age-Drama tritt hier, unter der Ägide von Hauptproduzent J. J. Abrams (Super 8), ein Science-Fiction-Mysteryabenteuer, angesiedelt irgendwo zwischen Steven Spielberg (E.T. the Extra-Terrestrial, Jurassic Park), Ray Bradbury («A Sound of Thunder»), Rod Serling (The Twilight Zone) und Carl Sagan (Cosmos: A Personal Voyage). Nach einer Reihe von mysteriösen nächtlichen Blitzgewittern findet sich die Familie Platt – und die ganze Nachbarschaft mit ihr – plötzlich inmitten einer prähistorischen Landschaft wieder: Raptoren durchwühlen Mülltonnen und machen Jagd auf Haustiere, am Himmel kreisen Pterosaurier, gigantische Sauropoden bringen die Erde zum Beben. Der Kampf ums Überleben – und die Suche nach einer Rückkehr durchs Raum-Zeit-Wurmloch – hat begonnen.
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Auf dieser Erzählbasis vollbringt Mitchell in weniger als 100 Minuten ein kleines Sommerkino-Kunststück. Unterstützt von eindrücklichen visuellen Effekten, einem betont klassizistischen Michael-Giacchino-Musikscore und den typischen Schritttempo-Schwenks und Split-Diopter-Einstellungen von Kameramann Michael Gioulakis (It Follows, Split, Us), spielt The End of Oak Street sein bewusst überhöhtes Szenario ebenso leichtfüssig wie atmosphärisch durch. Das Resultat ist ein überaus unterhaltsamer Survival-Thriller ohne intellectual-property-Verpflichtungen, der sein vielleicht etwas gar schematisch geratenes Familiendrama gekonnt mit regelmässigen Dinosaurier-Invasionen verwebt, die jene des Jurassic World-Franchise im Vergleich ziemlich alt aussehen lassen.
Dieser Entertainment-Ambition ordnet Mitchell auch seine Lieblingsmotive unter. The End of Oak Street ist kein sauber ausformulierter Thesenfilm, vielmehr vereint er konkurrierende Lesarten in sich. Der Zeitsprung erfüllt sowohl den impliziten Wunsch als auch die unterbewusste Angst von Flowervale und der Oak Street: Man hat sich der urbanen Aussenwelt endlich entziehen können, hat zugleich aber mit dem Einfall des gefürchteten Unbekannten zu kämpfen.
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Insgesamt jedoch scheint Mitchell mit seiner Geschichte einer Familie, die in einer kosmischen Krisensituation über sich und ihre Alltagsprobleme hinauswächst, so etwas wie die optimistischere Kehrseite von It Follows zu suggerieren: Das klassische amerikanische Vorortidyll mag eine nostalgische Illusion sein, ein unzeitgemässer Dinosaurier; doch genau darum gilt es, das romantisierte Bild zu zerschlagen und die echte, unvollkommene Menschlichkeit dahinter wiederzuentdecken.
Dass der Film das Universum umkrempeln muss – und dabei auch die eine oder andere dramaturgische Regel bricht –, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen, ist indes weniger erzählerische Schwäche als anregendes Zugeständnis an die Verdrängungsarbeit, welche die Figuren leisten müssen. Nicht umsonst zitiert Mitchell mit seiner letzten Einstellung durch ein himmlisch beleuchtetes Wohnzimmerfenster David Lynchs Blue Velvet (1986) – eine andere Abrechnung mit suburbaner Selbsttäuschung, die sich schliesslich doch für den schönen Schein entscheidet.