Viel ist passiert, seit Aaron Sorkin am 16. Januar 2011 den Oscar für sein Drehbuch zu David Finchers Facebook-Biopic The Social Network (2010) entgegennahm und in seiner Dankesrede Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als «grossartigen Unternehmer, Visionär und unglaublichen Altruisten» bezeichnete. Sorkin gewann einen guten Monat später auch den Drehbuch-Oscar, nahm 2017 erstmals auf dem Regiestuhl Platz und zog 2024 mit einer exorbitant blauäugigen «New York Times»-Politkolumne Hohn und Spott auf sich.
Facebook, inzwischen bekannt als Meta, erwarb während dieser Zeit Instagram und WhatsApp und wurde zu einer treibenden Kraft hinter dem Aufstieg von Donald Trumps MAGA-Bewegung, dem Genozid an den Rohingya in Myanmar und der Verbreitung und Popularisierung von Verschwörungstheorien. CEO Mark Zuckerberg scheint all das nicht sonderlich zu stören – jedenfalls nicht so sehr wie der Versuch, Techfirmen wie seine für ihre ethischen und rechtlichen Verstösse haftbar zu machen.
The Social Network mag keine Zuckerberg-Hagiografie gewesen sein – Sorkins Lobhudelei bei den Golden Globes war als Replik auf das negative Urteil gedacht, das eine seiner Filmfiguren über Zuckerberg fällt –, aber der Impuls, das filmische Facebook-Universum 2026 um eine noch kritischere Auseinandersetzung zu erweitern, ist ein durchaus berechtigter. Dass Sorkin zu so einem Unterfangen nicht nur das Drehbuch beisteuert, sondern auch als Regisseur zeichnet, entbehrt nicht einer gewissen Signalwirkung: Die Samthandschuhe, die im Januar 2011 noch zum Einsatz kamen, werden nun endgültig abgelegt.
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In The Social Reckoning, wie diese spirituelle Fortsetzung heisst, ist Zuckerberg denn auch kein Protagonist mehr. Auf Jesse Eisenbergs sozial unbeholfenes Computergenie in Finchers Film folgt hier ein eiskalter, unnahbarer, geradezu reptilisch agierender Ultrakapitalist, der sich wie ein Kino-Erzbösewicht in einem mit kugelsicheren Sofas ausgestatteten Luxusbüro verschanzt und mit finsterer Miene und gekräuselten Lippen exekutiven Adlat:innen dabei zuhört, wie sie seine kostbare Zeit mit Vorschlägen verschwenden, die Facebooks Profite um ein Prozent schmälern könnten.
Gespielt wird Zuckerberg von Method-Acting-Shootingstar Jeremy Strong (Succession, The Apprentice), der trotz Make-up und Haarschnitt, die ihn aus einigen Winkeln tatsächlich wie der echte «Zuck» aussehen lassen, eine kapitale Fehlbesetzung ist. Dass Strong sichtlich zehn Jahre älter ist als die Figur, die er verkörpert, liesse sich mit einer überzeugenden Darstellung verkraften; doch dieses Szenario bleibt im Konjunktiv, da Strongs Interpretation der «Methode» einmal mehr kaum über nachdrückliche Körperspannung und eine gewissenhaft affektierte Stimmlage hinausgeht. Wo Eisenberg einst eine spannende Figur freilegte, finden Strong und Sorkin nur die bemühte Nachahmung eines Promis, dessen Aussehen und Gebaren man aus den Medien kennt.
Immerhin ist Zuckerberg hier nur eine periphere Präsenz, ein Tyrann, der alle paar Szenen auf den Skandal reagiert, den Sorkins wahre Held:innen aufdecken. The Social Reckoning erzählt nämlich in erster Linie von der Entstehung der «Facebook Files», einer investigativen Recherche des «Wall Street Journal», die Politjournalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) mithilfe der desillusionierten Facebook-Datenwissenschaftlerin Frances Haugen (Mikey Madison) zwischen 2019 und 2021 zu einer explosiven Artikelreihe über die eklatanten ethischen Verfehlungen des Techgiganten verdichtete.
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Hier ist Sorkin in seinem The West Wing-Element. Die unrealistisch schlagfertigen Dialoge fliegen hin und her, verfängliche Interna werden heruntergeladen, fotografiert, geleakt, Mikey Madison gibt Jeremy Allen White ungeduldige IT-Crashkurse, zwischendurch darf Stand-up-Comedian Bill Burr als Ex-Facebook-Investor in schimpfwortreichen Tiraden Zuckerberg und Co. abkanzeln. Daraus ergibt sich eine durchaus unterhaltsame, wenn auch niemals auf Fincher-Niveau operierende, geschweige denn visualisierte Thriller-Übung – kurzweilig genug, dass man mitunter beinahe vergisst, wie reibungslos alles vonstattengeht, wie gering die dramatische Fallhöhe ist.
Für einen Film, der sich offensichtlich als Abrechnung mit einem Unternehmen versteht, das so mächtig ist, dass es sich, in Sorkins Worten, als «post-government» bezeichnen kann, bleibt das Ganze aber irritierend handzahm und oberflächlich. Sosehr das unverhältnismässig triumphale, die Entwicklungen seit 2021 weitgehend ausblendende, von pathetischem Solistinnengesang unterlegte Ende auch Substanz und Relevanz suggeriert: Ein wahres reckoning sieht anders aus.