Der antifeministisch-reaktionäre Backlash ist da, und zwar schon länger. Seit Jahren spuken die Schreckgespenster «Cancel-Culture», «Woke-Mob» und «Male Loneliness Epidemic» durch Feuilletons und Talkshows: Es ist die Rede von einer gesellschaftszersetzenden Kultur der politischen Korrektheit, die alles Weibliche feiert und alles Männliche a priori für toxisch erklärt.
Der Diskurs entbehrt nicht einer gewissen Absurdität. 2024 wurde Donald Trump von mehrheitlich männlichen Wählern ins Weisse Haus zurückgehievt, von wo aus seine auf Macho-Männlichkeit getrimmte US-Regierung Gleichberechtigungsinitiativen den Stecker zieht, den weiblichen Einfluss in Institutionen wie dem Militär eindämmen will und Frauen aus offiziellen historischen Narrativen herausschreibt. In den sozialen Netzwerken boomen Kanäle, die für «traditionelle» Geschlechterrollen plädieren und, wie Louis Theroux kürzlich in der Dokumentation Inside the Manosphere zeigte, gerade einem jüngeren Publikum Sexismus und Frauenhass als coole Gegenkulturpositionen verkaufen. Und auch die konservative Elite zieht mit: Die «Great Feminization» der Gesellschaft ist ein beliebtes Feindbild; dagegen zu Felde ziehen Tech-Bros wie Geburtenraten-Paranoiker Elon Musk und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der im Gespräch mit Podcaster Joe Rogan die Rückkehr zu aggressiver «masculine energy» am Arbeitsplatz forderte.
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In diesem Klima einen Reboot einer Achtzigerjahre-Fantasyserie (und verkappten Mattel-Spielzeugdauerwerbesendung) zu wagen, in welcher der muskelbepackte Mannesmann Adam alias He-Man mit phallischem Schwert die degenerierten, diabolisch effeminierten Mächte des Bösen verkloppt, ist eine Herausforderung – aber eine mit Potenzial. Das bewies vor einigen Jahren etwa Cartoonist ND Stevenson, als er mit She-Ra and the Princesses of Power (2018–2020) eine herausragende, betont queere Neuinterpretation von She-Ra: Princess of Power (1985–1987) vorlegte, der für Mädchen konzipierten Schwesternserie zum originalen Franchise-Flaggschiff He-Man and the Masters of the Universe (1983–1984).
Man durfte also gespannt sein auf den ersten abendfüllenden He-Man-Film seit dem allgemein als verunglückt geltenden Versuch von 1987 mit Dolph Lundgren in der Hauptrolle. Mit Travis Knight steht diesem neuen Masters of the Universe zudem ein Regisseur vor, der mit dem Transformers-Spin-off Bumblebee (2018) schon einmal Achtziger-Nostalgie zu solidem Kino formte – und dessen Arbeit an den mythischen Welten des Stop-Motion-Animationsstudios Laika (Kubo and the Two Strings) ihn für den schrillen, bunten, von Heavy-Metal-Albumcovers und Low-Fantasy-Pulpromanen inspirierten He-Man-Heimatplaneten Eternia zusätzlich zu prädestinieren scheint.
Knights Qualitäten stehen denn auch weitgehend ausser Frage. Zusammen mit seinem Ausstattungs- und Effekte-Team sowie Kameramann Fabian Wagner (Justice League) inszeniert er Eternia als farbenfroh überhöhtes Mittelalter-Sci-Fi-Kinderfantasiegebilde irgendwo zwischen Conan the Barbarian (1982), Avatar (2009) und Thor: Ragnarok (2017). Hier wandelt sich der sanftmütige Prinz Adam (Nicholas Galitzine), der als Kind auf die Erde geschickt wurde, um ihn vor der Machtergreifung von Erzfiesling Skeletor (Jared Leto) zu schützen, nach einigen Startschwierigkeiten zum schwertschwingenden Erretter von Eternia – eine Entwicklung, die Knight in eine Handvoll kompetenter Actionsequenzen nach Star Wars-Vorbild umzumünzen weiss.
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Doch es ist nicht Knight, der Masters of the Universe seine Identität verleiht. Viel schwerer wiegen hier andere Namen, etwa jener von Amazon-Gründer Jeff Bezos, einem weiteren Tech-Milliardär, der wie Musk und Zuckerberg als Ehrengast an Donald Trumps zweiter Amtsvereidigung teilnahm und in den letzten Jahren die He-Man-Interpretation von Männlichkeit für sich entdeckt hat. Denn Knights Film ist eine Amazon-Produktion; für das nötige Branding sorgt neben mehreren augenfälligen Studiologos auch der Amazon-Lieferwagen, der im ersten Akt einen von Adams Gegenspieler:innen netterweise überfährt.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Bezos gerne Einfluss auf seine Investitionen nimmt. Es genügt ein Blick auf die redaktionelle Linie der «Washington Post», die seit sich seit seiner Akquisition merklich ins Rechtslibertäre verschoben hat. «Nur Ansichten, die sich mit seiner Unterstützung von persönlicher Freiheit und dem freien Markt decken, sind im Meinungsressort willkommen», berichtete die «New York Times» diesen März.
Ein:e Schelm:in, wer im Masters of the Universe-Drehbuch von Chris Butler (ParaNorman), David Callaham (Wonder Woman 1984) sowie Aaron und Adam Nee (The Lost City) vorauseilenden Gehorsam vermutet. Subtil ist die politische Tendenz aber jedenfalls nicht: Man wähnt sich hier bisweilen im Social-Media-Feed eines 13-Jährigen, der zu viel Manosphere-Content konsumiert hat und überdies Bezos’, Musks und Zuckerbergs CEO-Meinungen zu Diversität und Inklusion am Arbeitsplatz teilt.
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Auf der Erde arbeitet Adam etwa in einer anonymen Human-Resources-Abteilung in Oklahoma City – notabene der grössten amerikanischen Stadt, die Trump 2024 für sich gewinnen konnte –, die in dieser Form auch in republikanischer Propaganda gegen sogenannte DEI-Konzepte figurieren könnte. Adams afroamerikanische Vorgesetzte (Sasheer Zamata) entspricht ganz der reaktionären Reizvorstellung, dass Minderheiten durch woke HR-Kungeleien auf Kosten besser qualifizierter Weisser Männer in institutionelle Machtpositionen geschleust werden: Sie wird als nur leidlich kompetent dargestellt und verbirgt diktatorische Anwandlungen hinter einem vorgeheuchelt netten Tonfall und unaufrichtigen Euphemismen wie «Einvernehmlichkeit». Und auch bei Adam zu Hause hat die «traditionelle» Männlichkeit einen schweren Stand, wartet dort doch sein queer gelesener Mitbewohner (Christian Vunipola), der die Miete einfordert – und dessen weiblich konnotierte Liebe für romantische Schnulzen gleich zweimal als Pointe herhalten muss.
Noch bizarrere Formen nehmen diese Seitenhiebe auf Eternia an, wo Adams Kindheitsfreundin Teela (Camila Mendes) den Widerstand gegen Skeletors Horden in seiner Abwesenheit am Leben erhalten hat. Nicht nur ist Teelas Skepsis gegenüber den Ratschlägen ihres dem Alkoholismus verfallenen Vaters Man-At-Arms (Idris Elba) einer ihrer grossen Charakterfehler; nicht nur wird sie zum Ziel des sexistischen Uraltwitzes, dass Frauen nicht fahren können, man(n) sie aber nicht darauf ansprechen darf – nein, sie schickt Adam natürlich auch in die Friendzone, obwohl dieser ihr doch gerade mit seiner Muskelkraft zur Hand gegangen ist.
Idris Elba darf indes in bester kryptofaschistischer Rhetorik über die Natur der körperlichen Gewalt philosophieren: Adam mag das Macho-Gekloppe von Man-At-Arms und Co. für rückständig halten; dabei diene dies doch einfach nur dem Schutz von Familie und Volk. Wenn der Krieg komme, so Elba, brauche man eben die Muskelprotze, nicht die Poeten. Mit anderen Worten: «Harte Zeiten machen starke Männer. Starke Männer machen gute Zeiten. Gute Zeiten machen schwache Männer. Schwache Männer machen harte Zeiten» – ein Lieblings-Aphorismus von Online-Rechten, nicht zuletzt Elon Musk.
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Butler, Callaham und die Nees scheinen zwar darum bemüht, diesen unrühmlichen Subtext wenigstens ein bisschen abzufedern, tappen damit aber prompt in weitere Fallen. Zum einen mündet ihr Versuch, Adams HR-Erfahrung erzählerisch relevant zu machen, in eine haarsträubende Apologie für ebenjene Gewalt, die damit differenzierter behandelt werden soll: Ein «echter Mann» wie der einfühlsame Adam soll immer zuerst versuchen, einen Konflikt mit Worten zu lösen; «nicht die Muskeln machen den Mann». Aber wenn das nicht funktioniert – und wie könnte es auch, bei jemandem wie Skeletor, der mit seinem Schädelgesicht ja «offensichtlich ein Bösewicht ist»? –, dann muss sich sein Gegenüber darauf gefasst machen, nach Strich und Faden vermöbelt und gedemütigt zu werden. Keine Gnade, selbst wenn die Kontrahent:innen im Angesicht der sicheren Niederlage an den Verhandlungstisch zurückkehren wollen. Es ist schwer, in diesen Momenten nicht an die US-«Strategie» im laufenden Irankrieg zu denken, wo sich Diplomatieversprechen und genozidale Auslöschungsdrohungen Woche für Woche abzuwechseln scheinen.
Zum anderen überlagert Masters of the Universe Adams Abenteuer mit unzähligen Schichten nervtötender defensiver Ironie. Kaum ein Versatzstück aus der originalen Kinderserie kommt ohne selbstreflexive Brechung aus, jeder triumphale Actionmoment muss irgendwie wissend unterlaufen oder kommentiert werden, wann immer Knights Inszenierung ein wenig Pathos generiert, wird es sogleich von lauwarmem Sitcom-Geplänkel im Keim erstickt. Die Angst, kindisch zu wirken, strömt aus jeder Pore dieser Adaption einer über 40-jährigen Kinderserie heraus – eine Angst, unter deren Einfluss unverhohlen kindliche Konstrukte wie Metallfaust-Krieger Fisto (Jóhannes Haukur Jóhannesson) und Rammbock-Mensch Ram-Man (Jon Xue Zhang) «modernisiert» werden, indem man sie unbewusstes homosexuelles Innuendo über Fisting und Oralsex von sich geben lässt.
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Man kann über die viel diskutierte faschistoide Fantasy-Vision eines Conan the Barbarian sagen, was man will – Regisseur John Milius machte wenigstens nie einen Hehl aus seinen politischen Überzeugungen: «I’m just a right-wing extremist», sagte er einmal in einem äusserst erhellenden Interview. Masters of the Universe steht im Gegensatz dazu: Hier steckt die reaktionäre Haltung in einem divers gecasteten, salopp dahinwitzelnden Blockbuster, dessen primäre Macher:innen politisch unverfänglich sind. Aber das ist halt die Krux mit dem antifeministischen Backlash: Wenn er den popkulturellen Mainstream erreicht, wird er nicht auf einen Schlag starke Frauenfiguren verschwinden und red-pilled Macho-Männer obsiegen lassen. Nein, er wird mit aufgesetzter Selbstironie Elon-Musk-Tweets paraphrasieren, Queerness zur Pointe machen und Witze über Frauen am Steuer reissen.