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Toy Story 5
© Disney•Pixar. All rights reserved.

Toy Story 5: Spielzeuge im Franchise-Limbus

Die Toy Story-Reihe sorgt auch in der fünften Runde noch für gute Momente. Aber langsam fragt man sich, wie lange die Protagonist:innen denn noch leiden müssen.

Text: Alan Mattli / 22. Juli 2026
  • Regie

    Andrew Stanton

  • Buch

    Kenna Harris, Andrew Stanton

  • Kamera

    Matt Aspbury, Jean-Claude Kalache

  • Schnitt

    Jennifer Jew

  • Musik

    Randy Newman

  • Mit

    Tom Hanks, Tim Allen, Joan Cusack, Greta Lee, Conan O’Brien, Scarlett Spears

  • Start

    23. Juli 2026

«Jede Liebesgeschichte ist eine Tragödie, wenn man nur lange genug wartet», sagt einmal eine Figur in der TV-Serie The Handmaid’s Tale (2017–2025). Kaum jemand dürfte das besser wissen als die Protagonist:innen des Pixar-Franchise Toy Story. Seit mehr als 30 Jahren hadern die beseelten Kinderspielzeuge rund um Cowboy Woody (Tom Hanks) und Weltraumheld Buzz Lightyear (Tim Allen) mit der Vergänglichkeit ihrer Bestimmung: Kinder werden früher oder später erwachsen, und irgendwann landet auch der am innigsten geliebte Spielkamerad aus Plastik, Holz oder Plüsch auf dem Dachboden, im Secondhandladen oder gar in der Mülltonne.

Während Toy Story (1995), der erste komplett computeranimierte Spielfilm überhaupt, noch eine thematisch einigermassen offene Angelegenheit war – eine metaphorische Übertragung der kindlichen Angst vor Wohnungswechseln, geschwisterlichem Konkurrenzdenken und abwesenden Elternteilen auf Woody, Buzz und Co. –, etablierte Toy Story 2 (1999) mit der Einführung der traumatisierten Cowgirl-Puppe Jessie (Joan Cusack) das emotionale Gravitationszentrum der Reihe: Ein Spielzeug in diesem Universum zu sein, heisst, sich mit der Flüchtigkeit allen Seins, und aller Liebe, zu arrangieren. Carpe diem, oder in Woodys Worten: «Ich kann nicht verhindern, dass Andy erwachsen wird. Aber ich will es auf keinen Fall verpassen.»

Toy Story 5 1

© Disney•Pixar. All rights reserved.

Damit war im Grunde alles gesagt. Aber so funktioniert Hollywood nicht, schon gar nicht in der aktuellen Nostalgie-Hochkonjunktur. 2010 fand das goldene Pixar-Zeitalter von Monsters, Inc. (2001), The Incredibles (2004) und Ratatouille (2007) mit Toy Story 3 ein würdiges Ende: Andy, der originale Besitzer von Woody und Buzz, wurde unter vielen Figuren- und Zuschauer:innen-Tränen ins Erwachsenenalter verabschiedet; seine Spielzeugsammlung landete im Kinderzimmer der fantasievollen Kindergärtlerin Bonnie. Ein dauerhaftes Happy End war den Franchise-Held:innen aber nicht vergönnt, mussten sie doch ein gutes Jahrzehnt später, nachdem bei Pixar der kreative Motor ins Stottern geraten war, in Toy Story 4 (2019) ein weiteres Mal in die Bresche springen – und sich mit der existenziellen Frage auseinandersetzen, wo denn die Grenze zwischen leblosem Abfall und «animiertem» Spielzeug liegt.

Im Angesicht dieser Vorgeschichte wirkt Toy Story 5 bisweilen ein wenig wie die grausame Verlängerung eines Leinwandschicksals, das womöglich bereits vor einem Vierteljahrhundert, allermindestens vor 15 Jahren, seinen bestmöglichen Abschluss gefunden hat. Der Zehnjahreszyklus, in dem Woody, Buzz, Jessie, Dinosaurier Rex (Wallace Shawn), Sparschwein Hamm (John Ratzenberger) und wie sie alle heissen gefangen sind, ist inzwischen ebenso gründlich ausgearbeitet wie die psychischen Abwehrreflexe der Figuren – warum also noch weiter auf dieser unentrinnbaren Tragik herumreiten?

Immerhin ist die Antwort, die der von Pixar-Veteran Andrew Stanton (Finding Nemo, WALL-E) inszenierte Film auf diese Frage gibt, durchaus zeitgemäss. Denn noch ist Bonnie (Scarlett Spears) nicht so weit wie Andy in Toy Story 3; noch ist sie ein Kind, das sich und seine Spielsachen in allerlei überkandidelte Szenarien hineindenkt. Nein, der Schatten des Erwachsenwerdens – und damit der Obsoleszenz der Spielzeug-Protagonist:innen – nimmt hier die Gestalt einer technologischen Gerätschaft an: Weil Bonnie Mühe damit bekundet, sich mit gleichaltrigen Kindern anzufreunden, schenken ihr ihre Eltern (Lori Alan, Jay Hernandez) ein Tablet namens Lilypad (Greta Lee), das Bonnie sofort in den Bann seines Touchscreens zieht. Bald schon verbringt sie, wie all die anderen Kinder in der Nachbarschaft, ihre Freizeit nur noch vor dem Bildschirm: Puppen und Actionfiguren sind out; angesagt sind stattdessen Gruppenchats, digitale Hangouts und Cybermobbing.

Toy Story 5 2

© Disney•Pixar. All rights reserved.

Mit seiner ernüchternden Darstellung der Auswirkungen kindlicher Bildschirmzeit, gegen die Woody, Buzz und – allen voran – Jessie verzweifelt anzukämpfen versuchen, dürfte Toy Story 5 vielen Eltern im Publikum aus der Seele sprechen. Und es ist tatsächlich bemerkenswert, dass das Flaggschiff-Franchise einer Produktionsfirma, bei der einst Apple-Gründer Steve Jobs als Geburtshelfer waltete, derart entschieden für digitale Moderation und die Emanzipation vom gamifizierten Touchscreen-Moloch einsteht – auch wenn der Film schliesslich doch noch in der etwas gar konzilianten Mitte landet und Lilypad mit nachdrücklicher Ausgewogenheit das Recht auf eine wohldosierte Präsenz im Kinderzimmer einräumt.

In diesem thematischen Rahmen arbeitet sich das Drehbuch von Stanton und Kenna Harris durch ein generisch-solides, grosszügig mit witzigen Gags und patentierter Pixar-Sentimentalität gespicktes Toy Story-Abenteuer, das sinnbildlich für den seltsamen Limbus-Zustand der Reihe als Ganzes steht. Jessies Heldinnenreise, mit der Stanton und Harris beharrlich auf die Tränendrüse drücken, dient vor allem der Rückbesinnung auf die emotionalen Höhepunkte von Toy Story 2. Buzz ist und bleibt ein ungelöstes Charakterisierungsdilemma. Und selbst Bonnie, wohl die einnehmendste menschliche Figur im Franchise-Kanon, durchläuft letztlich eine Entwicklung, die vom Plot von Inside Out 2 (2024) kaum zu unterscheiden ist. Im Hinblick auf einen hypothetischen sechsten Teil täte Pixar also vielleicht gut daran, sich die Moral aller fünf Toy Story-Filme selber einmal zu Herzen zu nehmen: Es war schön, aber manchmal muss man einfach loslassen.

 

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