Wer Roofman (2025), Derek Cianfrances faktenbasiertes McDonald’s-Räuber-Biopic mit Channing Tatum und Kirsten Dunst gesehen hat, wird im zeitgleich produzierten Tuner einige Versatzstücke wiedererkennen. Auch im Spielfilmdebüt des Oscar-prämierten Dokumentaristen Daniel Roher (Navalny) geht es um einen jungen Mann (den mit Hyperakusis lebenden Klavierstimmer Niki), der aus Geldnot auf die schiefe Bahn gerät (Nikis empfindliches Gehör prädestiniert ihn zum Safeknacker) und sich nebenher in eine Frau (Klavierstudentin Ruthie) verliebt, die von seinen kriminellen Eskapaden nichts ahnt.
Innerhalb dieser Formel profilieren sich Roher und Co-Autor Robert Ramsey zwar nicht mit der thematischen Dringlichkeit von Roofman – geschweige denn jener von Michael Manns Safeknacker-Klassiker Thief (1981) –, wohl aber mit einem einnehmenden Protagonisten. Nicht zuletzt dank Leo Woodalls sympathischer, mühelos lässiger Performance, der dennoch ein Fünkchen unterdrückter Aggression innewohnt, ist es faszinierend, dem zugeknöpften Niki dabei zuzuschauen, wie er auf eine Welt reagiert, in der er überall ein Fremdkörper zu sein scheint. Zu hemdsärmelig fürs Konservatorium, zu traditionell kultiviert, um sich in der Rave-Fabrikhalle von Ganovenboss Uri (Lior Raz) heimisch zu fühlen, wandelt er mit seinen Ohrstöpseln geisterhaft distanziert durch ein für ihn viel zu lautes New York, wo er sich voller Gleichmut von ignoranten Schnöseln herumkommandieren lässt, für die Klavierstimmen dasselbe wie eine Toilettenreparatur ist.
© 2025 Ascot Elite Entertainment. All Rights Reserved.
Tatsächlich funktioniert Tuner in diesem beobachtenden Modus am besten – wenn Roher seiner dokumentarischen Ader frönt und seine ganze Aufmerksamkeit den prozeduralen Feinheiten des Klavierstimmens, des Komponierens, des Safeknackens widmet. Wertvolle Schützenhilfe leisten ihm dabei Kameramann Lowell A. Meyer, dessen extreme Nahaufnahmen die versteckten Mechanismen unter den alltäglichen Oberflächen sichtbar machen, und Editor Greg O’Bryant, der das jazzige Tempo des Films mit seinem rasanten Stakkato-Schnitt durchgehend aufrechterhält.
Doch so, wie Niki jegliche äussere Ablenkungen ausblenden muss, um sich ganz auf seine Handgriffe am Klavier oder am Tresor konzentrieren zu können, tut man als Zuschauer:in gut daran, Tuner mit Tunnelblick zu begegnen – denn abseits der Hauptfigur ist Rohers Film vor allem von abgedroschenen Archetypen und unfertig wirkenden Figurenskizzen bevölkert.
Nikis musikalischer Mentor (ein gut aufgelegter Dustin Hoffman) existiert nur, um am Ende des ersten Akts kurzerhand in ein Spitalbett verfrachtet zu werden. Ruthie (Havana Rose Liu) bleibt, wie auch Uris junge Komplizen (Nissan Sakira, Gil Cohen), bis zuletzt eine bessere Marginalie, eine Präsenz mit klar kommuniziertem Entwicklungspotenzial, das nie ausgeschöpft wird. Uris anfängliche Kumpelhaftigkeit ist selbst im Genre-Kontext eine fadenscheinige Pflichtübung, ein Platzhalter, bis die Handlung endlich so weit fortgeschritten ist, dass er sich in einen sadistischen Antagonisten «verwandeln» kann. Besagte Handlung verirrt sich darüber hinaus in zunehmend abstruse Gefilde, allerspätestens dann, wenn die dramatisch verkürzten Zufälle allzu unglaublich werden, Jean Reno als Maestro ex Machina auftaucht und das maximal ironische Dénouement forciert.
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Und doch hat man es hier irgendwie mit punktuell emblematischem Gegenwartskino zu tun. Man braucht nicht viel Fantasie – dafür vielleicht ein bisschen Optimismus, was den Gang der Welt anbelangt –, um sich folgendes Szenario vorzustellen: Das Jahr ist 2045, der Ort ein Programmkino wie das renommierte Film Center im MoMA, der Anlass eine Retrospektive zum amerikanischen Filmschaffen der Trump-Ära; gezeigt wird ein Krimi-Double-Feature, bestehend aus Roofman und Tuner.
Nicht nur, heisst es in der obligaten Einführung, würden beide Filme von der schieren Unmöglichkeit erzählen, in den USA als einfache:r Handwerker:in durchzukommen. Nicht nur, fährt der oder die geladene Expert:in fort, würden sowohl Cianfrance als auch Roher die Figur des moralisch integren Kleinkriminellen als modernen (Überlebens-)Künstler zelebrieren. Nein, mit ihrem Fokus auf die spezifische Expertise ihrer Gauner-Protagonisten, deren krumme Touren zu Selbstverwirklichungsfantasien werden, erfüllen die Filme gleichzeitig auch den in den 2020er Jahren in Streamingplattform-Teppichetagen verbreiteten Wunsch nach sogenanntem proficiency porn: Damals suggerierten Streaming-Statistiken nämlich, dass Zuschauer:innen ganz besonders positiv auf Figuren reagierten, die ihre Arbeit gut machen. Womöglich, schmunzelt die Person auf der Bühne abschliessend, war das ja eine unterbewusste Reaktion auf die inkompetenten und offen korrupten Polit- und Tech-Eliten, die in diesen Jahren in Washington D.C. das Sagen hatten. Und nun: Bonne projection!