Ein menschenleeres, in feinen Rauch gehülltes Schlachtfeld, ein Meer aus zertrümmerten Skeletten: Mehr braucht Markus Schleinzer nicht, um seinem Publikum die verheerenden Folgen des Dreissigjährigen Krieges, eines der einschneidendsten Konflikte der europäischen Geschichte, vor Augen zu führen. Millionen Menschen starben, Kriegsdienst, Hungersnöte und Brandschatzungen entvölkerten ganze Landstriche, gewisse Dörfer wurden von Ratten, Wölfen und Wildschweinen regelrecht überrannt.
Aus diesen Irrungen und Wirrungen tritt in Rose ein einsamer Wandersmann, ein Soldat, der im Krieg mit einer durchschossenen Wange davongekommen ist und sich jetzt in einem Dorf im Harz niederlassen will. Hier hat er ein Gut geerbt, das schon länger leer steht; die Papiere stimmen alle. Bald schon heiratet er Suzanna (Caro Braun), die Tochter des benachbarten Grossbauern (Godehard Giese). Eine soldatische Erfolgsgeschichte, könnte man meinen. Doch wir wissen etwas, das die Dorfgemeinschaft nicht weiss: Der mysteriöse Ex-Soldat wird von Toni Erdmann-, Anatomie d’une chute-, The Zone of Interest- und Project Hail Mary-Star Sandra Hüller gespielt.
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Rose, wie der Soldat laut der wortgewandten Erzählerin (Marisa Growaldt) in Wirklichkeit heisst, lebt schon lange in männlicher Verkleidung. Wohlverstanden: Sie fühle sich nicht als Mann, aber sie schätze die Freiheit, die damit einhergeht, für einen gehalten zu werden. Eine Hose und ein sicheres Auftreten genügen, um die Scharade aufrechtzuerhalten.
Man spürt Schleinzers ambivalentes Verhältnis zum Aktualitätsbezug seiner Geschichte aus diesen Fussnoten heraus. Crossdressing, genderbending, Nonbinarität, die Wandelbarkeit der Geschlechterkategorien ganz allgemein, sie sind im Gegenwartsdiskurs omnipräsent; im Kulturkampf zwischen progressiven und konservativ-reaktionären Kräften gehören sie zu den Kernanliegen – und können einem Arthousefilm wie Rose somit zur kommerziell alles entscheidenden Medienaufmerksamkeit verhelfen. Doch obwohl auch Schleinzers vorherige Regiearbeiten mit potenziellen Reizthemen kokettierten – durch Michael (2011) spukten die Geister von Přiklopil und Fritzl, Angelo (2018) erzählte von einem realen afroösterreichischen Freimaurer aus dem 18. Jahrhundert –, will er es hier offenbar zugleich verstanden wissen, dass es sich bei der Causa Rose um eine Frauen- und nicht um eine trans Geschichte handelt.
Daran ist im Grunde nichts verkehrt. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass diese Abgrenzung im Film explizit benannt wird – dass die Möglichkeit, als Mann leben zu wollen, anstatt sich nur als einer zu verkleiden, in den Raum gestellt wird –, zeugt von einem soliden Verständnis von Intersektionalität seitens Schleinzer.
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Nein, das Problem mit Rose als Frauengeschichte ist, dass Schleinzer und Co-Autor Alexander Brom nur eine recht rudimentäre Idee davon zu haben scheinen, was diese genau ausdrücken könnte. Ihr Drama über eine Frau, die vor dem Hintergrund einer kriegsversehrten und krisengebeutelten Gesellschaft am Rande des Kollapses das Heft an sich reisst und sich auf eine Art queere Parodie einer heterosexuellen Ehe einlässt, kommt kaum über altbekannte Gemeinplätze hinaus: das 17. Jahrhundert als ein historisch unspezifischer Vergangenheitsraum, in dem Männer aktiv und mächtig, Frauen hingegen passiv und unterdrückt sind, und gegen dessen Zwänge Rose und Suzanna im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten ankämpfen.
Ahistorisch mag dieser Ansatz nicht sein, und auch bei der angedeuteten Auseinandersetzung mit der Konstruiertheit der menschlichen Identität gibt es grundsätzlich nichts zu beanstanden. So richtig in die Tiefe will das Ganze aber nie gehen: Man wird das Gefühl nicht los, diese Gedanken anderswo bereits ausgefeilter, raffinierter, überraschender behandelt gesehen zu haben. Selbst der asketisch stilisierte Schlussakt wirkt letztlich weniger wie eine aussagekräftige Reflexion über Roses Schicksal und mehr wie eine cinephile Hommage an Robert Bressons Procès de Jeanne d’Arc (1962).
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Dass Rose bei aller Oberflächlichkeit aber dennoch durchaus sehenswert ist, ist neben Sandra Hüllers einnehmender Schauspielleistung, der lebendigen Rekonstruktion der historischen Kulisse und den strengen Schwarz-Weiss-Bildkompositionen von Schleinzer und Kameramann Gerald Kerkletz vor allem dem Humor zu verdanken, welcher der Geschichte zugrunde liegt. Schleinzer und Brom wissen um das komische Potenzial, das sowohl in ihrer Prämisse als auch in den schmucken deutschen Hauptsätzen ihres Skripts schlummert, und verleihen ihrer Erzählung so eine überaus willkommene absurde Note. Damit geht Rose zwar nicht unter die Haut, empfiehlt sich aber als kurzweiliges Kostümkino.