Nachdem Spider-Man: No Way Home (2021) Jon Watts’ Spider-Man-Trilogie beendete, übernimmt nun Destin Daniel Cretton und bringt – eine Premiere für einen Spider-Man-Darsteller – einen vierten Teil ins Kino. Cretton hat sich übrigens bereits mit Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021) und der Serie Wonder Man (seit 2026) im Marvel Cinematic Universe (MCU) etabliert.
Spider-Man gehört seit jeher, neben Grössen wie den Fantastic Four oder den X-Men, zu den beliebtesten Superheld:innen überhaupt und hat unter den Fans einen besonderen Status. Einer der Gründe dafür ist seine Nahbarkeit: Peter Parker, wie «Spidey» mit bürgerlichem Namen heisst, muss die Balance halten zwischen seiner Verantwortung und seinem Alltag. Vom Mobbing in der Schule bis hin zu Geldproblemen als Erwachsener: Peter Parker durchlebt dieselben Krisen, wie es einige seiner Fans tun. Diese Nahbarkeit nimmt gerade bei Tom Hollands MCU-Inkarnation eine wesentliche Stellung ein, da viele Zuschauende seit Spider-Man: Homecoming (2017) zusammen mit diesem Peter aufgewachsen sind. Zu sehen, wie aus einem quirligen 15-Jährigen mit grossen Träumen ein Erwachsener mit Traumata ohne Freund:innen wird, wiegt nun einmal schwerer, als wenn alle paar Jahre der Reboot-Knopf gedrückt wird. Die Geduld, das jahrelange Mitfiebern und -trauern mit derselben Figur, zahlt sich aus.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH & ™ 2026 MARVEL
Auf genau diese Nahbarkeit wird in Spider-Man: Brand New Day gesetzt. Vier Jahre nach dem Zauber, der alle Peter Parker vergessen liess, stürzt sich Spider-Man in die Arbeit. MJ (Zendaya) und Ned (Jacob Batalon) leben ihr Leben, studieren und wohnen zusammen. Peter redet sich ein, dass ihm die Einsamkeit nichts ausmacht, doch sein Körper versucht, ihm etwas anderes zu sagen: Seine Fähigkeiten verändern sich.
Zusammen mit Frank Castle (Jon Bernthal) und Bruce Banner (Mark Ruffalo) entsteht rund um Peter und seine Mutation ein Film über Einsamkeit, Verlust und die Frage, was passiert, wenn wir unsere wahre Identität unterdrücken. Sadie Sinks Figur, deren Identität offiziell ein Geheimnis bleiben soll, trägt zu diesen Themen ebenfalls bei.
Ironischerweise ist der Film, in dem Peter sich von allen isoliert, derjenige, in dem das MCU so bevölkert ist wie noch selten. Unter Crettons Regie fühlt sich New York so lebendig an wie lange nicht mehr. Feind:innen, bekannte Gesichter und Menschen, die ihrem Alltag nachgehen, tummeln sich auf den Strassen. Die New Yorker Skyline funkelt in all ihrer Pracht im Hintergrund, während sich Spider-Man dynamisch durch die Strassenschluchten schwingt.
© Sony Pictures Releasing Switzerland GmbH & ™ 2026 MARVEL
In dieser belebten Welt rücken die internen Zusammenhänge des MCU wieder mehr in den Fokus. Dass gerade Jon Bernthal und Tom Holland gut miteinander funktionieren, zeigen sie momentan auch in The Odyssey. Im Schlagabtausch zwischen den Figuren wird nun klar: Peter ist erwachsen und lässt sich nichts mehr gefallen.
Frank Castle alias Punisher ist auf der Kinoleinwand nicht neu, Jon Bernthals Version hingegen schon. Weg von der TV-Welt von Daredevil (2015–2018) und The Punisher (2017–2019), wo es Frank mit der Mafia aufnimmt, wird der sonst blutüberströmte Ex-Soldat hier an ein jüngeres Publikum angepasst – was der Figur erstaunlich guttut. Bernthal darf seinen Punisher hier ruhiger, emotionaler und sogar witzig spielen, ohne die Essenz der Figur zu verlieren. Frank hat nämlich diese Seiten, und es ist schön, dass er die auf Grossleinwand zeigen kann.
Spider-Man: Brand New Day ist ein neues, frisches Kapitel für seinen Titelhelden. Gleichzeitig öffnet der Film neue Türen und verspricht eine spannende Zukunft – nicht nur für Sadie Sinks «geheime» Figur, sondern für das gesamte MCU.
Junge Kritik
Diese Kritik entstand als Teil der filmjournalistischen Nachwuchsförderung von Filmbulletin.