Aki Kaurismäki
Le Havre: Märchen oder Meisterwerk?
An Aki Kaurismäkis Film scheiden sich die Geister. In seiner lakonischen Art erzählt er eine Art humoristisches Märchen mit der Nüchternheit eines Eisschwimmers.
An Aki Kaurismäkis Film scheiden sich die Geister. In seiner lakonischen Art erzählt er eine Art humoristisches Märchen mit der Nüchternheit eines Eisschwimmers.
Obwohl sich Melgar gern als «fly on the wall» definiert, ist Vol spécial kein objektiver Film – er will erschüttern und politisches Umdenken provozieren. Die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen stellt sich hier dringlich und ganz im Sinne eines Max Frisch, der als kritischer Zeitzeuge stets die Scheinheiligkeit und die Feigheit der Schweiz in politischen wie gesellschaftlichen Belangen entlarvte.
Was ist normal, was ist krankhaft? Schmal ist der Grat zwischen Hingabe und Wahnsinn. Grossenbachers Respekt vor seinen «Messies», sein Sinn für Dramaturgie und für visuelle Poesie führen zu Szenen voller Situationskomik und Skurrilität, ohne dass unser Lachen auf Kosten der Protagonisten geht.
Als Bertrand Taverniers Film vor einem Jahr in Cannes lief, durfte er sich keine grossen Chancen auf einen Preis ausrechnen. In einem Wettbewerb spitzt sich ja die Frage der Relevanz ins Unermessliche zu: Wo es so viele Neuigkeiten vom Stand der Dinge gibt, warum soll man sich da für einen Film interessieren, der in einer fernen Epoche spielt, in der für die Liebe noch Opfer gebracht wurden?
Der Film Sira begleitet Sayyed el-Dawwy aus Südägypten, der als einziger lebender Interpret noch in der Lage ist, die «Sira el-Hilaliyya» mit ihren geschätzten fünf Millionen Versen vollständig vorzutragen. Er lässt der Musik und den Versen ihren Raum, schlägt aber auch Brücken zu übergreifenderen Themen. Poesie und handfester Alltag finden zusammen. Ein Dokumentarfilm im besten Sinn.
Woody Allen ist dafür bekannt, dass er immer mal wieder Schauspieler aus der Versenkung der anspruchslosen Komödie in den Olymp des Allenschen Reiches hebt, doch selten tat er es mit soviel lustvoller Präsenz und melancholischem Charme wie in Midnight in Paris.
Pierre Salvadoris Komödie ist der Film, den man seit Audrey Tautous fabelhaftem Aufstieg als Amélie zu sehen erwartet und befürchtet: In De vrais mensonges spielt Tautou nämlich eine “Anti-Amélie”.
Sorgfältig ordnet ein adrett gekleideter Mann mit klassischem, rotem Halstuch in einer Zürcher Philatelie seltene Briefmarken. Eine märchenhafte Melodie erklingt, eine liebliche Frauenstimme singt. Die Kamera schwenkt auf das Album voller Raritäten und fokussiert ein Häufchen kleiner brauner Körner: Sand. Der Mann verliert Sand.
So atmosphärisch wie Céline Sciamma ihren Film beginnt, so präsentiert sich dieser tout court: mit ruhiger Kamera, herausragenden Hauptdarstellerinnen, ganz ohne Hintergrundsmusik – und mit grossartiger Visualität. Es ist die Geschichte eines tomboy: eines Mädchens, das auch als Junge durchgehen könnte und sich im Film auch tatsächlich als Junge ausgibt.
Das Spielfilmdebüt der jungen französischen TV-Journalistin Alix Delaporte erzählt eine Liebesgeschichte von Menschen, die ihr vertraut sind, von Menschen aus einem kleinen Fischerhafen in der Normandie.
A Separation, bei den diesjährigen Filmfestspielen von Berlin mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, ist ein zutiefst menschliches Drama, in dem sich die Spannungen zwischen den Figuren, bedingt durch ein sorgfältig konzipiertes Drehbuch, auf beklemmende Weise auf den Zuschauer übertragen.
«Gleich und gleich gesellt sich gern», sagt der Volksmund. Tatsächlich möchte man meinen, dass, wo verwandte Seelen aufeinandertreffen, auch die Herzen locker zueinanderfinden. Das mag in 99,9 Prozent aller Fälle so sein. Nicht jedoch in Les émotifs anonymes von Jean-Pierre Améris.